Raumchoreographie und Sprache

Raumchoreographie ist ein bestimmtes Verhältnis zum Schreiben, zum Sprechen und zum Text. Im Unterschied zum Theater ist der Text nicht Ausgangspunkt der Arbeit, sondern Teil von ihr; dennoch beansprucht er einen eigenständigen literarischen Status. Sprechen bzw. Stimme ist Material und Bewegung, nicht Spiel und Rolle. Inhaltlich und formal ist das bisher für Raumchoreographien entwickelte Schreiben lyrisch.

Einer der Gründe, warum wir angefangen haben, uns für Choreographie zu interessieren, war die Suche nach einer anderen Art des künstlerischen Schreibens und des Umgangs mit Sprache und Text. Und zwar nach einer Art, die primär und von Anfang an räumlich ist und spezifisch für die jeweilige Arbeit; das Schreiben dauert so die ganze Zeit der Stückentwicklung über an, der finale Text existiert nicht vor dem Stück: Er ist in Relation zu allen anderen Elementen und ändert sich mit ihnen mit.

Sprechen und Stimme denken wir als Weisen des sich-Bewegens: als Zusammenspiel von Atmung, Muskeln und Hohlräumen in einem Körper und als Schwingungen zwischen Körpern.

Lyrisch sind die bisher für Raumchoreographien geschriebenen Texte, weil sie wesentlich von Klang und Rhythmus bestimmt sind. Inhaltlich erschließen sie einen Welt-Raum aus organischen und anorganischen, animalischen, menschlichen und kosmischen Körpern in permanenter Transformation.

Eine raumchoreographische Sprachpraxis ermöglicht jenseits von Drama und Post-Drama Schreiben für und Sprechen auf der Bühne, das sich nicht an Fragen von Spiel, Rolle und Figur abarbeitet, sondern woanders ansetzt: im und zwischen Körper(n), im Raum, in den Bezügen und nicht in den Subjekten.

Narziss Echo (5)

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Dreharbeiten, Charlie Fouchier

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Dreharbeiten, White Space Box

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Dreharbeiten, Charlie Fouchier

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Dreharbeiten, Chiaroscuro

Narziss Echo (4)

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Stillshot

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Modellansicht

Nach Festung / Europa setzen wir mit Narziss Echo unsere Suche nach einem anderen Zuschauen fort – einem über Selbstsuche und Identifikation hinausgehenden Schauen als Teilnehmen.



Spätestens seit Trump globalisiert sich das Um-sich-selber-Kreisen des Individuums, der Narzissmus als totaler Selbstbezug ist die symptomatische Krankheit der Gegenwart. Der Mythos von Narziss ist das Porträt eines jungen Mannes, der sich in sein Spiegelbild verliebt und daran stirbt. Er ist auch die Geschichte der Nymphe Echo, die nur antworten kann. Sie verliebt sich in Narziss und wird von ihm zurückgewiesen. In ihrem Schmerz verwandelt sie sich in eine Höhle, in der jeder Klang widerhallt. Zum Narzissmus gehört die Echokammer.



Resonanz und Reflexion, Blick und Stimme, Wort und Bild, im Mittelpunkt und überall sein sind die Bezüge eines Mythos, den wir als Quelle für ein Wechselspiel aus Hören und Schauen verwenden. Der totale Selbstbezug löst sich auf, zwei Sinnesräume, die nie zusammentreffen und trotzdem aufeinander bezogen bleiben, öffnen sich.

Choreographie als Raumkunst

I


Wir sehen und machen unsere Arbeiten als Choreographien, verstehen Choreographie aber als Raumkunst. Damit wollen wir sagen, dass wir nicht von einem tanzenden oder sich bewegenden Subjekt ausgehen, sondern Raum, räumliche Bezüge für uns im Vordergrund stehen. Wir nehmen in unserer Praxis ernst, dass Dasein ein sich bewegendes und bewegtes, relatives und relationales miteinander-Sein ist. Wir arbeiten an Bezügen in einem Körper, zwischen Körpern, zwischen Körpern und anderem, z.B. technischen Geräten oder Objekten; wir arbeiten an Wahrnehmen (Hören, Sehen, Fühlen), sich bewegen/bewegt-Werden, Sprechen, Schauen als Weisen und Kräfte des sich Öffnens und sich aufeinander Beziehens.

»Choreographie als Raumkunst« ist weniger Definition als offene Richtung eines gegenwärtigen Suchens und Forschens. Nicht nur wir interessieren uns choreographisch für Raum und/als Bewegung, viele Arbeiten im Grenzbereich von bildender und darstellender Kunst tun das und verändern aktuell sowohl die Sicht darauf, was Installation oder Skulptur heißt, wie auch die auf das, was eine Bühne und ein Zuschauerraum ist. Sie gehen in beiden Künsten über herrschende Dispositive von (Objekte) Ausstellen und (Subjekte) Aufführen hinaus.

Diese Transformation schließt auch die Rezeption mit ein. Wenn Choreographie als Raumkunst verstanden und gemacht wird, stellt sich die Frage, wie Zuschauen? Wenn kein Stück als Gegenüber gezeigt wird, es nicht um das geht, was im (Bühnen)Raum stattfindet, sondern um Tanzen, sich Bewegen, Sprechen, Schauen usw. als Material und als sinnliche Materialität der räumlichen Bezüge selbst, dann bringt das ein anderes Dabeisein und Zuschauen hervor als z.B. eine Theatervorstellung. Das Schauen, das zu einer so gemachten Arbeit gehört, hat mehr vom z.B. in der bildenden Kunst geübten kontemplativen oder meditativen Blick; es gleicht eher einem »Mitschauen«, einer bestimmten Art von sich-Versenken als einem das Gegenüber in den Blick nehmenden Zuschauen.

II

Mit Raum meinen wir sich-Beziehen, mit Bezug meinen wir Bewegung. Daher nennen wir unsere Arbeiten Raumchoreographien. Wir versuchen, das sich-Beziehen-auf primär zu sehen und entsprechend zu arbeiten. Wir arbeiten nicht mit etwas – einem Text, einem Konzept –, den wir inszenieren oder das wir umsetzen. Wir beginnen mit Räumen als Tun: In Festung / Europa haben 28 Menschen zusammen und jeweils mit ebenso vielen Wandelementen hantiert und in monatelangen Proben Bewegungen zwischen statisch und dynamisch gefunden; daraus ist schließlich ein Raumrhythmus entstanden, der aufgeführt wurde und dabei die BesucherInnen miteinschloss. In Echos Narziss arbeiten wir mit dem Tänzer Charlie Fouchier am Mittelpunkt als Selbstbezug und an Schauen als sich und andere bewegen; mit der Sängerin Christine Börsch- Supan erforschen wir Sprechen und Singen als überall-Sein. Zusammen entsteht ein Pulsieren aus Punkt und Sphäre, aus Sehen und Hören, aus Blicken/angeblickt-Werden und Sprechen/ angesprochen-Werden. In unserer Serie Choros setzen wir uns mit Chor als Raum, als Milieu aus Mitsprechen, Mitsingen, Mithören, Mitfühlen, Mitbewegen und Mitschauen, das weder vom Individuum noch vom Kollektiv ausgeht, auseinander.

III


Wir interessieren uns für den Chor in Choreographie und beschäftigen uns mit der abendländischen Geschichte des Chors, vor allem mit jener vor dem Beginn des Theaters. Der tanzende, singende, sprechende Chor auf einem Platz – Choros ist der altgriechische Name für den Chor wie auch für seinen Versammlungsort –, von dem man nicht sehr viel weiß, weil er nicht viele Spuren hinterlassen hat, ist in seiner Unbestimmtheit und Fremdheit eine Inspirationsquelle. In allen Arbeiten, aber explizit in der nach ihm benannten fortlaufenden Serie Choros, forschen wir danach, was ein Chor sein kann, der eigens für sich ist, keine Protagonisten kennt und nicht in eine theatrale Handlung eingefügt ist.

Dabei setzen wir weder einen bestimmten, nach der Ausdrucksform unterschiedenen Chor – Gesangs-, Sprech-, Bewegungschor – voraus, noch fragen wir nach dem Wer? des Chors. Wir versuchen auch nicht, die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv zum Thema des Chors zu machen, sondern »chorisch« bedeutet für uns, im fließenden Zwischen der Teilnehmenden (und dazu gehören auch die BesucherInnen) zu arbeiten. Das heißt, miteinander Sprechen, Singen, Gehen als sich-aufeinander-Beziehen zu begreifen und an diesen sinnlich-materiellen Bezügen so zu arbeiten, dass sie nicht für etwas anderes (Mitteilung, Können) verwendet werden, sondern als solche primär und explizit (als ausgestellte erfahren, wahrgenommen…) werden. Einen Chor macht für uns aus, dass und wie sich die Teilnehmenden einander hörend und aufeinander schauend, miteinander sprechend, singend, sich bewegend wahrnehmen und sich für die zwischen ihnen entstehenden Klänge, Rhythmen, Kräfte etc. durchlässig machen. Münder, Augen, Ohren sind Öffnungen füreinander.

IV


Globalisierung als Transformation durch Technologie ist eine Sache der Welt als Raum und nicht mehr der fortschreitenden Zeit und damit der Geschichte mit ihrem Subjekt. Raum heißt in der Philosophie, in der Kunst und in der Physik seit langem Relativität und Relationalität. Es gibt in einem so verstandenen Raum keinen Mittelpunkt, die Bezüge sind primär. Wenn sich gerade jetzt Tanz und Choreographie am Raum abarbeiten und so inspiriert neue Formen, Intensitäten, Kräfte finden, dann betreiben sie damit auf ihre Weise eine Dezentrierung des Subjekts und suchen nach anderen Fluchtlinien. Im sich bewegenden und bewegt werdenden menschlichen Körper, der im Tanz und in der Choreographie als solcher im Zentrum steht, schwingen in aller Heftigkeit Fragen nach Unmittelbarkeit mit, die er auf- und verwirft. Wenn es aber nicht darum geht, diesen menschlichen Körper im Namen eines »post« zu »überwinden«, sondern tatsächlich woanders anzusetzen und Körper als Öffnungen, Sinn als in alle Richtungen gehendes sich-aufeinander- Beziehen zu denken und zu machen, dann ist der Tanz und die Choreographie nicht zufällig das Feld, in dem das stattfinden kann. Die bildende Kunst, vor allem die Geschichte der Skulptur ist deswegen oft Inspirationsquelle, weil in ihr das Verhältnis von Figur und Raum(wahrnehmung) explizit Thema wird, spätestens mit Giacometti und über die Minimal Art bis in die Installation.

Raumchor für Choros (II) gesucht (OVER)

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Choros, Modellansicht

Für die zweite Etappe von Choros suchen wir Tänzer-, Performer-, SängerInnen mit professioneller Bewegungs-/Tanz- und Sprech-/Gesangserfahrung, die Lust auf präzise und intensive Chor-Arbeit, Sinn fürs Zusammenspiel und Freude an der Herausforderung haben.

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Choros, September 2016

Choros ist ein künstlerisches Forschungsprojekt zum Chor als Einheit aus Ort, Bewegung und Stimme. Unsere Beschäftigung mit Choreographie und Chor ist sowohl von archaischen Chorformen aus der Zeit vor dem antiken Theater inspiriert, wie auch von einer Auseinandersetzung mit Raumkonzepten der Minimal Art und Judson Dance geprägt. Der Titel Choros stellt die Zusammengehörigkeit von Körper und Raum heraus, das Wort bezeichnete im Altgriechischen zugleich den Tanzchor wie auch den Tanzplatz. Im Unterschied zum gewohnten Verständnis des Chors als einer Gruppe von Menschen legen wir den Fokus auf die Elemente, die zusammen einen Chor im räumlichen Sinn bilden: auf Stimme, Bewegung und Ort. Aus diesen Elementen bauen wir eine Reihe chorisch-räumlicher Konstellationen, die sich zwischen Tanz, Skulptur und Konzert erfahren lassen. Der Text des dabei verwendeten Chorlieds wurde eigens und in einem stark rhythmisierten antiken Versmaß, dem Anapäst, geschrieben.

Alle Konstellationen in Choros sind von der Kreisform bestimmt, in jeder einzelnen Konstellation geht es darum, was ein Kreis sein kann – nicht als stillgestellte geometrische Form, sondern als fließender Rhythmus. Mit Raumchor und Kreis als Grundform arbeiten wir an unterschiedlichen Konstellationen aus Bewegung, Sprache/Gesang und Positionierung im Raum, sowohl des Chors wie der ZuschauerInnen. Choreographiert wird der gesamte Raum als Geschehen.

Probenbeginn: Dezember 2016 bis Anfang Juli 2017, anfangs jeweils ein Termin alle zwei Wochen zu jeweils 3–4 Stunden, Zeiten nach Vereinbarung, später öfter. Für Juli 2017 planen wir die Präsentation in Berlin. Die Arbeit wird honoriert.

Interessierte melden sich bei ms@moritzmajcesandraman.com

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Choros, Modellansicht

out of b/order Festival – SCORES N°12 @ Tanzquartier Wien 3.-5.11.2016

»In out of b/order gerät der Boden des Bekannten ins Wanken, seine Grenzen verschieben sich. Im Rahmen des Festivals werden Geschlechterrollen, Staatsgrenzen, kulturelle Zuschreibungen ausgelotet, um angefundene Realitäten – vehement, spielerisch, gemeinsam widerstreitend – zu konfrontieren. Eine vermeintliche Ordnung der Dinge löst sich auf, um einem beweglichen Territorium des Miteinanders Platz zu machen, das seine Konturen stets neu verhandeln und erfinden lässt – in einer Art Kontaktzone. So treffen über den Zeitraum des Festivals KünstlerInnen und TheoretikerInnen aus unterschiedlichen Geographien des erweiterten arabischen Raums – der MENA Region – und Europa zusammen.«

Vortrag »Festung / Europa, die Grenze zwischen Kunst und Politik« von Moritz Majce und Sandra Man

Freitag, 4. November 2016, 17.30 Uhr

Eintritt frei

Tanzquartier Wien
Museumsplatz 1
1070 Wien

Choros (2)

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Choros, September 2016

Choros ist ein künstlerisches Forschungsprojekt zum Chor als Einheit aus Ort, Bewegung und Stimme. Der Arbeitstitel Choros benennt die Zusammengehörigkeit von Tanzchor und Tanzplatz im antiken Griechenland. Es ist strittig, ob das Wort den Ort oder den Chor meinte.

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Choros, September 2016

Wie Judson Dance und Minimal Art legen wir in unseren Arbeiten den Schwerpunkt auf die räumlichen Bezüge zwischen Körpern. Archaische Chorformen vor der Entstehung von Theater und Drama haben uns dabei auf die Idee gebracht, Chor und Choreographie nicht als darstellende, sondern als Raum-Kunst zu verstehen und zu machen.

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Choros, Chorlied, Auszug

In Choros arbeiten wir mit einem von uns so genannten Raum-Chor und dem Kreis als Grundform an mehreren Konstellationen aus Bewegung, Sprechen/Singen und Positionierung im Raum, sowohl des Chors wie der ZuschauerInnen. Der dabei verwendete Text wurde eigens dafür in einem stark rhythmisierten Versmaß, dem Anapäst, geschrieben.

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Choros, September 2016

Die erste zweimonatige Forschungsetappe mit einem achtköpfigen Raum-Chor haben wir gerade abgeschlossen. Wir danken Christine Börsch-Supan, Jana Elhardt, Kysy Fischer, Stella Maxeiner, Sonia Noya, Nina Olczak, Martin Weller und Marie S. Zwinzscher.

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Choros, September 2016

Choros (1)

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Drehbühne, erster Prototyp mit Canvas Chairs

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Choros, Modellansicht