Raumchoreographie

Wir nennen unsere Arbeiten Raumchoreographien. Unter »Raum« verstehen wir ein fließendes, dynamisches Feld von Kräften, das sich von der Vorstellung eines vorhandenen, erst mit Inhalt zu füllenden Behälters unterscheidet. »Choreographie« ist für uns die Bewegung des Raums selbst, all seiner ihn ausmachenden Elemente und Bezüge.

Die Raumchoreographie ist weder Installation noch Inszenierung. Sie spielt sich in Konstellationen ab, im Fließen eines räumlichen Geschehens durch lebendige Körper, TänzerInnen wie ZuschauerInnen, ihrer Bewegungen, Klänge, Stimmen und durch Objekte, Bilder, Videos. Sie ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen Elementen und Qualitäten, die Bewegungen, Schwingungen und Rhythmen, die durch die Teilnehmenden hindurchgehen und sich zwischen ihnen entfalten.

In der Raumchoreographie gibt es kein einseitig frontales Gegenüber von Bühnen- und Zuschauerraum, sondern eine fließende Gesamtumgebung. Das Publikum ist Teil eines Areals, der Raum-Chor sein Bewegungsmoment. Er ist zugleich Protagonist, Ort und Handlung einer Raumchoreographie und bringt Bühne wie Zuschauerraum hervor. Je nachdem, wie er sich bewegt, ermöglicht er Weg und Position des Publikums in der von ihm eröffneten Landschaft. Wie schon das alte Wort chorós ist der Raum-Chor nicht eindeutig zuordenbar, meint sowohl die beteiligten Menschen wie auch ihren Ort, den Tanzplatz, etwas, das zugleich und zwischen Körper und Raum ist. Das macht ihn fremdartig, lädt zu einer Art »Doppelsehen« oder »Doppelerfahrung« ein. Der Raum-Chor transformiert Status und Rezeptionsart, die Besucherin/der Besucher erfährt neben dem Was? auch das Wie? und Wo? des eigenen Rezipierens.

Die Raumchoreographie ist weder eindeutig darstellende noch bildende Kunst. Vom Bühnenbild unterscheidet sie sich dadurch, dass es sich nicht um den Rahmen handelt, in dem eine Handlung stattfindet; von der Rauminstallation, dass es nicht darum geht, einen Raum auszustellen, sondern dass der Raum agiert, fließt, handelt – Geschehen ist. Das räumliche Geschehen ist auf nichts gerichtet, macht keine Aussage, ist eine körperliche Erfahrung von Entstehen im Hier und Jetzt.

Die Raumchoreographie ist künstlerische Erfahrung auch im Sinne des Rezipierens. In jeder raumchoreographischen Arbeit sind es andere Weisen des Teilnehmens, Zuschauens, Zuhörens, die ihre jeweils eigenen Kontexte hervorbringen. Das Publikum gehört wesentlich zur Konstellation dazu, ist mitchoreographiert als Teil eines Raum-als-Geschehen.

Teilnehmende für KREISLAUF gesucht

4

Kreisläufe

Für das Projekt KREISLAUF (Arbeitstitel) suchen wir ab Mitte Juli 2016 wieder Teilnehmende aus den Bereichen Tanz-, Sprech- und Bewegungschoreographie für die Arbeit an einem »Raum-Chor«. Der Raum-Chor spricht und bewegt sich gleichzeitig, ist viele und einer, Einklang und Mehrstimmigkeit, zwischen Skulptur und Choreographie. Bei jeder Arbeit stellt sich auf neue Weise heraus was das eigentlich heißt: Chor zu sein. Motivisch geht es um den Kosmos in unserem Kopf – Gesicht und Gehirn, sein Außen und sein Innen, seine Flächen und Höhlen. Aus ihm wollen wir einen vielstimmig kreisenden Welt-Raum gebären, ein mehrköpfiges chorisches Monstrum.

Dafür suchen wir Leute, die Lust auf intensive und präzise Chor-Arbeit haben, Freude an der Herausforderung und am Zusammen-Sprechen und Zusammen-Bewegen. Es gibt keine formalen Voraussetzungen, wir freuen uns auf Offenheit und professionelle Sprech-, Bewegungs- und Tanzerfahrung.

Probenbeginn: Mitte Juli über den Sommer, etwa drei Termine pro Woche zu jeweils 3–4 Stunden, Zeiten nach Vereinbarung. Wir können ein kleines Honorar bezahlen. Für Herbst 2016 und Frühjahr 2017 planen wir Präsentationen in Berlin und Wien.

Interessierte melden sich bei ms@moritzmajcesandraman.com

Unter der Schädeldecke


am Anfang wirst du
ganz still sein müssen
und nicht vergessen
auf mich hören dein Auge
entlässt die Zelle
aus der Pupille
geht ein Mond auf

Auge Einzelle Mond
ich bin ein Rohstoff
der Idee nach
schon viel besser
das Gleiche
braucht die Ströme im Leben nicht
Muster sind auch
ohne Bewusstsein

»Publikum ohne Gefühl und Verstand« von Sandra Man

Mit Nietzsche lässt sich darüber nachdenken, was ein Publikum ist, von der Geburt der Tragödie an geht es bei ihm um ZuschauerInnen. Die Etappen vom Anfang bis zum Untergang der Tragödie schildert er als Veränderung des Bezugs zwischen Chor und Publikum. Der Chor ist der Geburtsschoß der Tragödie, der Zuschauer ist ihr Ende. Für Alle und Keinen, die Widmung des Zarathustra, ist schließlich Nietzsches Formel für ein neues Publikum: ein Publikum als »chorischer Schauer« […]

Hier klicken für vollständigen Text.

Theatron #2

4

Sandro Botticelli, Dante´s Inferno, 1480–90

4

Skene

4

Sandro Botticelli, Dante´s Inferno, 1480–90

Visionärer Widerstreit @ Tanznacht-Forum, Berlin 5.9.2015

ViWi@2x

»Zeitgenössischer Tanz, seine Produktionsweisen, seine Protagonisten, seine Politik: Immer mehr KünstlerInnen, Spielstätten, Kompanien und Institutionen konkurrieren um Fördermittel, die jedoch nicht im gleichen Maße steigen wie ihre Nachfrage. Genügt es, lediglich nur mehr Fördergelder zur Verfügung zu stellen? Oder ist es nicht eher notwendig, anders über die Produktionsbedingungen für die freien Darstellenden Künste in Berlin nachzudenken und alternative Visionen zur künstlerischen Produktion zu entwickeln? Diese Fragen werden im „Visionären Widerstreit“ debattiert. Es ist Zeit für Visionen!«

TeilnehmerInnen: Susanne Foellmer, Sigrid Gareis, Dieter Heitkamp, Sandra Man, Bruno Pocheron, Madeline Ritter, Agata Siniarska, Veit Sprenger, Michael Stolhofer, Arnd Wesemann, Siegmar Zacharias

Tanzfabrik Berlin
Uferstraße 23
13357 Berlin

5. September 2015, 15–22 Uhr

Eintritt frei

Echo + Narziss (1)

Nach Festung / Europa wenden wir uns als nächstes dem Mythos von Echo und Narziss, jener Geschichte eines verhängnisvollen Spiegelbilds, zu und versuchen aus ihr wieder die Angelegenheit von Zweien zu machen, die sie immer war: Narziss und Echo, Blick und Stimme, Darstellung und Publikum.

4

Claude-Nicolas Ledoux | Le Théâtre de Besançon | 1804

4

Caravaggio | Narcissus | 1597–1599

4

René Magritte | Le Faux Miroir | 1928

4

MM | Forme Fruste | 2012