Choros

Notizen zum Zuschauen

Unsere Arbeiten sind »Raumchoreographien«, weil es in ihnen um die Beweglichkeit des Raums und die Räumlichkeit von Bewegung geht. Uns interessiert die Gleichzeitigkeit dessen, was geschieht, mit dem, wo es geschieht; so, dass der Ort des Geschehens nicht vor dem Geschehen liegt, sondern mit ihm entsteht. Eine Raumchoreographie ist kein Bühnenbild, in dem eine Handlung stattfindet; sie ist auch keine Installation, die einen Raum ausstellt. Wir sehen Raumchoreographien jenseits von Bühnenbild und Installation und jenseits von Aufführen und Ausstellen. Das wirft die Frage auf, was die an einer Raumchoreographie Teilnehmenden eigentlich tun, wie sie es tun und wer oder was sie dabei sind. Und zwar stellt sich diese Frage für beide Aspekte des Teilnehmens, die des Machens ebenso wie die des Zuschauens. Wir verstehen die an einer Raumchoreographie beteiligten PerformerInnen als Raumchor und ein Raumchor bestimmt sich dadurch, dass er mit seinen Bewegungen – körperlich und/oder stimmlich – einen Raum entstehen lässt. Dieses Raum-Schaffen umfasst auch die, die eine Raumchoreographie besuchen. Was heißt dieses »Umfassen« der BesucherInnen und wie besucht man eine Raumchoreographie?

Gegenüber und Geschehen

Normalerweise schauen wir in Aufführungen Subjekten beim Handeln zu und in Ausstellungen schauen wir Objekte in ihrer Form und Gestalt an. In Aufführungen sitzt man, in Ausstellungen steht und geht man; im einen Fall bewegt sich das, dem man zuschaut, man selbst aber nicht; im anderen Fall bewegt man sich selbst, und das, was man anschaut, ist unbeweglich. Die Aufführung verläuft in der Zeit, man folgt als ZuschauerIn etwas (Handlung, Geschichte, Dramaturgie…), das sich entwickelt, jedenfalls im Laufe der Zeit ergibt; die Ausstellung ist räumlich, vieles ist gleichzeitig da, man geht als BesucherIn durch, betrachtet etwas von allen Seiten. In der Aufführung schaut man einer Bewegung zu, in der Ausstellung ist man selbst in Bewegung. Wenn man so in Ausstellung und Aufführung denkt, ist die Bewegung Aktivität und entweder auf Seiten des performenden oder des besuchenden Subjekts. Sie ist aber kein räumliches Geschehen, das sich zwischen allen Beteiligten ereignet.

Was ist, wenn sich Bewegung anders verteilt, wenn sich zum Beispiel alle bewegen und bewegen lassen, nicht nur entweder die PerformerInnen oder die BesucherInnen? Und was ist, wenn diese Bewegung aller nicht zum Zweck einer Interaktion, eines Dialogs oder Austauschs zwischen den Beteiligten geschieht? Wenn nichts außer diese Bewegung selbst stattfindet, nichts zusätzlich zu ihr hinzukommt – keine Aufgabe, keine Geschichte, keine Handlung, keine Aktion etc. Wenn es also um eine den ganzen Raum und alle Beteiligten umfassende Bewegung geht, die sich selbst ausstellt und sich selbst genügt. – Wo und wer oder was ist man dann als ZuschauerIn und wie sieht man sowas zu und ist das, was man tut, Zuschauen oder etwas anderes?

Erfahrung und Struktur

Wenn man unsere bisherigen Raumchoreographien auf das hin betrachtet, was Zuschauen in ihnen sein kann, kommt man auf Arten der Teilnahme an einem räumlichen Geschehen. Es gibt eine Transformation des Zuschauens selbst, wenn sich nicht Subjekt und Objekt, aktiv und passiv gegenüberstehen, wenn Zuschauen nicht bedeutet, etwas zuzuschauen, sondern eine räumliche Erfahrung zu teilen. Teilen bedeutet nicht, dass PerformerInnen und BesucherInnen »gleich« werden oder dasselbe tun (sollen), sondern es findet vor oder jenseits der Identifikation als PerformerInnen oder ZuschauerInnen statt. Es geht um Zuschauen als Erfahrung und Struktur. Mit Struktur ist gemeint, dass das, was »Zuschauen« heißt – allgemeiner: die Art und Weise, wie man als BesucherIn teilnimmt – mitten in der künstlerischen Arbeit selbst liegt, von ihr mit hervorgebracht wird und nicht das ist, was erst dann passiert, wenn eine Arbeit »fertig« ist. Zuschauen findet viel früher statt und liegt viel tiefer in einer Arbeit drinnen, als man zunächst denkt. Man denkt so, weil man ohne Publikum probt und Zuschauen für das hält, was erst kommt, wenn man nicht mehr probt. Das macht die Sache kompliziert und widersprüchlich: Während das, wie man eine Arbeit erfährt, ganz tief in ihrem Entstehungsprozess wurzelt und zu ihrem Wesen gehört, sind ZuschauerInnen zugleich das, was sich dem Produzieren entzieht. Im Unterschied zu den künstlerisch Beteiligten – dem Raumchor – probt und trainiert man eben normalerweise nicht mit Publikum. Je mehr es um Räumlichkeit als alle umfassendes Geschehen geht, desto wesentlicher und greifbarer wird dieser Unterschied, desto mehr kann und muss man auch mit ihm arbeiten und über ihn nachdenken. Man muss sich damit beschäftigen, welche Einladung zu welcher Art des Teilnehmens in einer Arbeit steckt und auf welche Weise ZuschauerInnen auf sie vorbereitet und aufmerksam werden. Letztlich geht es darum, jede Arbeit auf das hin zu betrachten, welches Zuschauen sie hervorbringt. Für ZuschauerInnen heißt das in erster Linie, die Einladung zur Teilnahme an einer Arbeit wahrnehmen zu können und zu erkunden, wie man zuschauend ein Teil von ihr ist.

Festung / Europa (2015)

Festung / Europa beginnt als Ausstellung, die BesucherInnen gehen Gemälde betrachtend umher, die PerformerInnen sind zunächst unsichtbar, die Wandelemente stehen statisch im Raum, die Bilder sind an ihnen angebracht. Im nächsten Schritt beginnen sich die PerformerInnen zu bewegen, die Wände öffnen sich, geben einen Zuschauerraum frei, die BesucherInnen setzen sich. Es findet ein Wechsel in der Bewegung statt: Die, die vorher stillstanden, bewegen sich nun, die, die umhergingen, setzen sich.
Was dann folgt, lässt sich so sehen: Eine Ausstellung zieht in der Zeit vorbei, führt sich in gewisser Weise auf. Als Publikum sieht man einer sich bewegenden Installation zu. Die Wandelemente werden immer wieder rekonfiguriert, die PerformerInnen tragen und verschieben sie, die Gesichter dabei zu den Wänden, man sieht sie nur von hinten, sie verschmelzen fast mit den Wandobjekten, die Objekte werden fast zu Protagonisten. Der Zuschauerraum liegt in der Mitte des Geschehens, der Raum baut sich rundherum um, man sieht also nur einen Ausschnitt, immer geschieht etwas auch hinter einer/m. Zugleich sitzt man im Zuschauerraum so aufeinander ausgerichtet, dass man immer auch andere ZuschauerInnen im Blick hat und selbst von anderen (an)gesehen wird. Man selbst ist sehr exponiert, während es zugleich zwar durch die sich permanent verändernde Räumlichkeit einen zeitlichen Verlauf gibt, aber weder Individuen, die etwas darstellen, noch eine Handlung, der man folgen könnte oder müsste.
Wahrscheinlich ist die Gesamtlage etwa die: Eine Installation wird bewegt, die PerformerInnen werden zu Bestandteilen, die Bestandteile werden zu Protagonisten, die ZuschauerInnen werden zu Exponaten. Auf gewisse Weise finden sich alle in einer sich bewegenden und sich in dieser Bewegung selbst ausstellenden Räumlichkeit wieder. In der Veränderung dessen, wer was wie ist (Objekt, Exponat, Protagonist) tritt ein Raum auf, in den alle eingelassen sind. Den alle teilen, auch wenn sie – PerformerInnen, ZuschauerInnen – nicht interagieren und nicht dasselbe tun. Teil dieser Räumlichkeit zu sein und diese Räumlichkeit zu teilen, ist das, was passiert. Mehr oder anderes geschieht nicht. Als ZuschauerIn kann ich mich auf dieses Geschehen einlassen, also daran teilnehmen im Wortsinn, indem ich mein eigenes mit-Ausgestelltsein, mein eigenes mit-Exponiertsein sehe, empfinde, wahrnehme, mich ihm überlasse und hingebe. Dann bin ich drin und dabei, ich nehme teil, ohne im Sinne eines Interagierens etwas Bestimmtes zu tun. Es ist ein sehr körperlicher Vorgang und hat mit Entspannung und Ruhe und Geschehenlassen zu tun. Wenn das passiert, wenn ich loslasse und nicht etwas (verstehen, unterhalten werden…) will, geht die Arbeit durch mich durch und kann tatsächlich im Zwischen stattfinden, im aufeinander-Bezogensein aller Anwesenden. Es verlangt aber von mir als ZuschauerIn einen Wechsel in dem, wie und worauf ich schaue. Solange ich gespannt bin und das suche, was man Handlung nennen kann oder Geschichte oder Aussage oder Konzept, solange mich das interessiert, was man als Können der PerformerInnen verstehen kann, sehe ich nichts. Auf dieser Ebene ist auch wirklich nichts, es findet nichts statt. Der Blick, der etwas verstehen oder etwas raffiniert und gekonnt finden will, geht ins Leere. Wenn es aber gelingt, das, was geschieht, mit mir einfach geschehen zu lassen, findet in mir als ZuschauerIn eine Transformation statt: Ein »ich schaue etwas zu« wird weniger, aus mir wird eine Berührungszone und ich empfinde eine Intensität.

Notizen zu Choros III (Koroška)

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Choros (III) Koroška, Ausstellungsansicht, Foto: Kunstraum Lakeside / Johannes Puch

Im Sommer 2017 arbeiteten wir zusammen mit der Sängerin und Performerin Christine Börsch-Supan mehrere Wochen im Freien, in den Bergen, den Hohen Tauern in Kärnten/Koroška. Wir setzten unsere künstlerische Forschung zu Stimme, Raum und Bewegung fort, mit der Absicht, erstmals nur draußen, in der Landschaft zu arbeiten und deren akustische, visuelle und choreographische Möglichkeiten kennenzulernen. Das Ergebnis unserer Arbeit zeigten wir von 8.9. bis 6.10.2017 als Video- und Soundinstallation im Kunstraum Lakeside in Klagenfurt/Celovec, kuratiert von Nora Leitgeb.

Der Sommer 2017 war charakterisiert von klimawandelbedingten Wetterextremen, der Süden Europas verbrannte in der Sonne, während der Norden im Regen ertrank. Unsere künstlerischen Fragen nach dem Verhältnis von Mensch und Natur stellen sich auch aus den massiven klimatischen Transformationen heraus, denen unser Lebensraum ausgesetzt ist.

Choros

Seit einigen Jahren beschäftigt uns in unserer künstlerischen Arbeit der Raum und im Laufe der Zeit haben wir begonnen, Raum und Bewegung zusammen zu denken. Bewegung als eine Art »Räumen« – Einräumen, sich Raum geben und Raum schaffen – hat uns zum antiken Chor geführt, z.B. in den künstlerischen Forschungsprojekten Choros I + II, und dieser wiederum zur Landschaft. Der antike Chor vor dem Beginn des Theaters war ein singender und tanzender Chor, der keine fixe, architektonisch vorgegebene Bühne hatte, sondern im Freien auftrat. Er bereitete sich seine Bühne durch sein Tun; zuerst einfach, indem er im Reigentanz eine Kreisfläche in den Erdboden stampfte. »Choros« ist der Name für diesen antiken Chor, den Reigen und den Ort, an dem er tanzte. Diese Gleichzeitigkeit von Bewegung und Ort interessiert uns: Es gibt Choros als Tanzplatz nicht vor dem Chor, es gibt die Bühne nicht vor dem Tun. Wir suchen Weisen, in denen das, was geschieht und wo es geschieht, gleichzeitig entsteht und miteinander einhergeht.

Intimität der Weite

Die Landschaft als offener Raum, Ort des Zusammenwirkens von Elementen und Kräften, nicht primär von Menschen gemacht und bewohnt, eine von geologischen Dauern und Umwelteinflüssen abhängige, ausgesetzte und unberechenbare Umgebung. – Wir haben uns in unserer Arbeit im Freien auf dieses Offene der Landschaft eingelassen. Weder sind wir in den Bergen gewandert, um einen Gipfel zu erreichen, noch ging es uns um die Landschaft als Kulisse. Wir sind immer wieder an dieselben wenigen Stellen gegangen und wir sind sehr lange dort geblieben. Ohne dass wir es vorher gewusst oder geplant hätten, waren es schließlich Hochböden, die uns am meisten anzogen. Das sind flache Stellen, die sich nach steilen Hängen und vor felsigen Wänden – also mitten in der die Berge dominierenden Vertikalität – in die Horizontale öffnen. Hier bestimmen nicht so sehr Höhe und Tiefe und mit ihr verbunden Überwindung und Abgrund die Landschaft und ihre Affekte, sondern Weite. Auf diesen Hochebenen haben wir immer wieder viele Stunden verbracht, uns aufgehalten und Licht, Luft, Untergrund, Geräusche auf uns wirken lassen. Mit und aus diesen Elementen haben wir Körperbewegungen und Weisen des Sprechens und Tönens gefunden. Wir haben mit der Landschaft, der Beschaffenheit der Umgebung gearbeitet, uns für sie durchlässig gemacht, aber nicht mit der Absicht, mit ihr zu verschmelzen. Christines Bewegungen und ihre Stimme stehen heraus aus der Landschaft und sind zugleich in sie eingelassen. Was geschieht, ist kein Einswerden, sondern eine Zuneigung. Im langen Verweilen an einem Ort und dem körperlichen, sinnlichen Sich-öffnen auf die Landschaft, im Spüren ihrer Elemente – im Mittönen mit einem Windhauch, im Tanzen auf den Grashalmen und im Gehen auf den Steinen im Bach – entsteht eine Intensität, die sich einem ganz bestimmten Verhältnis von Nähe und Weite verdankt: Im menschlichen Körper, der mit der Luft tönt, den Stein spürt, sich im Gras wälzt, kommt sich die Weite ganz nahe.

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Choros (III) Koroška, Ausstellungsansicht, Foto: Kunstraum Lakeside / Johannes Puch

Atmender Blick

Wir haben uns lange an Stellen im Gebirge aufgehalten, die für sich genommen kein Ziel sind, und die abgelegen sind, auf wenig begangenen Routen; Stellen, durch die man, wenn überhaupt, nur durchwandert, wenn man unterwegs ist zu einem Gipfel oder einer Hütte. Wir haben an diesen Orten die Umgebung hörend, sehend, spürend wahrgenommen und uns intensiv mit dem Verhältnis des menschlichen Körpers zu dieser Umgebung beschäftigt. In mehrfachem Sinn sind dabei »Aufnahmen« entstanden: der Körper, der die Landschaft aufnimmt, indem er in ihr verweilt und sich mit und in ihr bewegt; und Ton- und Videoaufnahmen dieser Stimm- und Körperbewegungen.

Die Videoaufnahmen stehen in Bezug zur Landschaftsmalerei, wenn es bei dieser darum geht, Landschaft erst auf bestimmte Weise ins Bild zu setzen und sehen zu lassen; also nicht Abbild von etwas zu sein, sondern eine Sicht hervorzubringen, die zum Gesehenen dazugehört. Die Videos sind so gefilmt, dass der sie aufnehmende Blick körperlich mit da ist, er sieht mit, er atmet mit; als ZuschauerIn sieht man in der Bildbewegung das Atmen, den Puls, das Gewicht des filmenden Körpers, die Schwerkraft, die auf ihn wirkt. Und auch im Bildraum selbst organisiert sich alles um den Bezug von Ruhe und Bewegung; man sieht eine Verteilung von Unbewegtem und Bewegtem, die den menschlichen Körper und die Umgebung aus Licht, Wind, Wasser, Wolken aufeinander bezieht und alle Elemente durchzieht: Manchmal ist der Körper ganz still und lässt so den Verlauf von Wasser, Sonne, Wolken hervortreten und sichtbar werden, manchmal fügt sich der Bewegungsrhythmus des Körpers in den des Lichts, des Winds oder des Bachs. So atmet jedes Bild selbst als ganzes und in jedem Bild sieht man ein Zusammenspiel verschiedener Rhythmen; je länger man schaut, je mehr man sich in die Bilder versenkt, desto mehr, vielfältiger und feiner werden die verschiedenen aufeinander bezogenen Elementarbewegungen.

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Choros (III) Koroška, Ausstellungsansicht, Foto: Kunstraum Lakeside / Johannes Puch

Hörende Stimme

Die Stimme bewegt sich mit dem Wasser, dem Wind, dem Surren der Insekten, sie ist eine weitere Tonspur, die sich in die Umgebung einfügt. Mit diesem Einfügen macht sie sich selbst und die anderen Töne hörbar, sie ist nicht der Vordergrund zu Geräuschen im Hintergrund, sondern im Mittönen mit dem Bach und der Luft tritt das Zusammenspiel hervor. Wie bei den Körperbewegungen und manchmal auch gleichzeitig mit ihnen geht es auch bei der Stimme um eine Teilnahme an den elementaren Bewegungen und Geräuschen der Landschaft. Um ein tönendes, vibrierendes Mitatmen mit der Luft und den Lauten, die einerseits schon da sind und die man vorfindet, wenn man hinausgeht ins Freie, die aber zugleich auch erst auftreten und erscheinen, wenn sie zum Tönen der Stimme dazukommen. Christines Stimme nimmt die Landschaft auf, sie klingt aus dem Hören heraus, setzt ein in das, was sie hört, bringt das Gehörte in die eigene Stimme. Aus den Aufnahmen dieses hörenden Mitschwingens entsteht die Klangumgebung für die Zuhörenden.

Freies Schreiben

Die in Choros III (Koroška) gesprochenen Texte stammen aus einem Zyklus mit dem Titel Ins Freie und sind Naturlyrik. Sie beschreiben einen Raum, in dem ein Körper ein anderer wird, noch einmal ausgetragen, immer wieder, vom Boden, von der Erde, vom Weltraum. Sie sprechen von diesem Raum als einem freien. Die Texte wollen von diesem Freien schreiben und von diesem Freien her schreiben, sie wollen (sich) frei schreiben und ein Freies schreiben. Sie versuchen eine Umkehr, die dem gleicht, worum es auch bei den Bewegungen, den Bildern und der Stimme geht: Immer weniger von sich her, von einem selbst aus etwas tun, als von woanders her – der Landschaft, der Umgebung, der Natur – aufnehmen und in Bewegung versetzt werden. Nicht nur als Befreiungsrichtung ins Freie hinaus wollen, sondern sich auch vom Freien angehen und im Freien berühren, verändern lassen. Im lyrischen Schreiben ist dieses Freie nicht nur ein Motiv oder Thema, sondern auch und vor allem eine Bewegung – die des Rhythmus’ und des Klangs der Sprache. Im Klingen der Worte und ihrem Fluss hört man auch ein Freisein von ihrem sonstigen Nutzen, von Information oder Kommunikation.

Choros III (Koroška) @ Kunstraum Lakeside, Klagenfurt 8.9.–6.10.2017

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Choros (III) Koroška, Stillshot

Seit 2010 arbeiten die Autorin und Choreographin Sandra Man und der bildende Künstler und Choreograph Moritz Majce zusammen. Ihre gemeinsame Arbeit zeichnet aus, Choreographie nicht aus dem Blick der darstellenden, sondern aus dem der bildenden Kunst zu verstehen und zu machen: als Raumkunst.

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Choros (III) Koroška, Stillshot

Für die Ausstellung Choros III (Koroška), von den beiden als künstlerisches Forschungsprojekt zu Chor(eographie) konzipiert, erarbeiten sie im Sommer 2017 chorische Konstellationen im Freien als Auseinandersetzungen mit den spezifischen räumlichen Bedingungen von Landschaft als »Natur«, ihrer Rezeptionsmöglichkeiten, ihrer Akustik, ihrer Perspektive und ihres Horizonts. Parallel dazu wird im Kunstraum eine Ausstellung errichtet, die sich ebenfalls als eine Art »Landschaft« aus Ansichten und Klängen zusammensetzt.

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Choros stomped @ Tanzböden, Polinik

Die Arbeit beinhaltet verschiedene Elemente des »Chorischen«, des altgriechischen Choros, der Bezeichnung für Reigen, Tanzplatz und die auf ihm Tanzenden, die Verknüpfung von Tanz, Theater und Musik. Der Chor wird wahrgenommen als räumliches Geflecht sinnlicher Bezüge. In einer direkten Auseinandersetzung mit dem Publikum realisiert sich die Raum-Choreographie unabhängig von den verwendeten Medien als Bewegung zwischen den einzelnen Elementen und dem Publikum. Wesentlich dafür ist die unmittelbare Begegnung mit der Landschaft Kärntens, die als Produktionsumgebung für Stimm- und Bildaufnahmen diente, denn sämtliche Aufnahmen sind im Freien, im alpinen Raum, entstanden. Körper und Stimme verstehen sich als Teil der Natur und reagieren auf die Witterung und die topografischen Gegebenheiten. Jenseits der politischen Vereinnahmung von Landschaft und Chor denkt die Arbeit Verbundenheit neu als mehrdimensionales Landschaftsgefüge, das absolut unverfügbar ist und niemandem gehört.

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Choros (III) Koroška, Making Of @ Striedensee

IDEE + KONZEPT: Moritz Majce + Sandra Man
STIMME + BEWEGUNG: Christine Börsch-Supan
OUTSIDE EYE: Katharina Wallisch
KURATORIN: Nora Leitgeb

Wir bedanken uns bei Lakeside Labs GmbH für die großzügige Unterstützung bei den Videoaufnahmen mit einer Drohne und bei Franz Habich für die Steuerung, sowie bei der Agrargemeinschaft Nachbarschaft Söbriach für den freundlichen Zugang zu einer ihrer Almen.

Eröffnung: 7. September 2017, 18.30 Uhr

Kunstraum Lakeside • Lakeside B02 • 9020 Klagenfurt
www.lakeside-kunstraum.at • +43 463 22 88 22-20

Choros II

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Choros, Juni 2017

Choros ist Forschung an Verbindungen. Wir schauen, sprechen, hören, berühren und bewegen uns aus den Relationen untereinander, zu den ZuschauerInnen und dem Raum heraus. Die Essenz eines Chors ist die Verbundenheit der Teilnehmenden untereinander. Das Zusammensein mehrerer und ihr gemeinsames Tun ist das Faszinierende eines Chors. Diese Gemeinschaft zeichnet ihn aus und sie teilt er mit den ZuschauerInnen. In einer Gegenwart, die als individualistisch bis zum Narzissmus, detached bis zur Isolation und vereinsamt bis zur Depression erfahren wird, ist ein Gemeinsames ebenso fragwürdig wie anziehend wie verführerisch. Wir suchen und experimentieren mit der Frage, was ein Chor sein könnte vor dem Hintergrund dieser persönlichen, politischen, gesellschaftlichen Erfahrungen und Bedrohungen. Wir wollen als Antwort darauf die chorische Verbundenheit als eine verstehen, die mit den Beziehungen untereinander spielerisch umgeht und so nicht vereinheitlicht, sondern allen Teilnehmenden Raum gibt und lässt. Wir sehen den Chor als eine Weise geteilter – auch mit den ZuschauerInnen geteilter – Freiheiten und Spielräume: Wir wollen mit den Räumen zwischen uns, zwischen den Zuschauenden und den Performenden spielen. Jenseits von totalem Ichbezug und geschlossenen Gesellschaften wollen wir mit dem Chor ein gemeinsames Offensein füreinander und für die ZuschauerInnen finden und erfahren.

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Choros, Juni 2017

Für das Publikum ist Choros eine Teilnahme-Erfahrung jenseits von still gegenübersitzen und forciertem Mitmachen. Durch die Veränderung der Positionen – sitzen/stehen/gehen/liegen und der Abstände zum Chor – gerät der körperliche Aspekt des Publikum-Seins in den Vordergrund: Wie verändert sich mein Sehen dadurch, wo ich im Raum bin und in welcher Haltung? Wie ändert sich mein Wahrnehmen und Teilnehmen dadurch, dass ich mittendrin bin und nicht außerhalb des Geschehens? Welche unterschiedlichen Energien gehen von den anderen ZuschauerInnen aus, je nachdem, wo sie sich befinden? Wo fällt es leichter, sich zu öffnen, in welchen Konstellationen entsteht ein gemeinsamer Sog, wo ist es eher distanzierter? – Solche Fragen tauchen in Choros zum Verhältnis von Zuschauenden und Chor auf und wir verstehen die Arbeit auch als ein »Zuschauertraining«. Es geht uns um mehrdimensionale und körperliche Zuschauererfahrungen.

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Choros, Modellansicht

»Chor« heißt für uns nicht Verpflichtung zu einer übergeordneten Einheit, sondern sich einlassen auf die vielfältigen Bezüge untereinander. Ein Chor ist für uns weder die Addition von Einzelnen, noch ein Kollektiv. »Chorisch« ist ein Miteinander aus Blicken, Bewegungen und Stimmen als Bezug zum Publikum. ZuschauerInnen sind nicht einem Geschehen gegenüber, sondern gehören – zuschauend, zuhörend – zu ihm dazu.

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Choros, Juli 2017

Die zweite dreimonatige Forschungsetappe zu Choros mit einem achtköpfigen Raum-Chor haben wir gerade abgeschlossen. Wir danken Zoé Alibert, Viviana Defazio, Katherine Gorsuch, Olivia Patrizia-Kunze, Stella Maxeiner, Sonia Noya, Fausta Scarangella und Sinja Völl.

Raumchor gesucht (OVER)

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Choros, Modellansicht

Für die zweite Etappe von Choros suchen wir Tänzer-, Performer-, SängerInnen mit professioneller Bewegungs-/Tanz- und Sprech-/Gesangserfahrung, die Lust auf präzise und intensive Chor-Arbeit, Sinn fürs Zusammenspiel und Freude an der Herausforderung haben.

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Choros, September 2016

Choros ist ein künstlerisches Forschungsprojekt zum Chor als Einheit aus Ort, Bewegung und Stimme. Unsere Beschäftigung mit Choreographie und Chor ist sowohl von archaischen Chorformen aus der Zeit vor dem antiken Theater inspiriert, wie auch von einer Auseinandersetzung mit Raumkonzepten der Minimal Art und Judson Dance geprägt. Der Titel Choros stellt die Zusammengehörigkeit von Körper und Raum heraus, das Wort bezeichnete im Altgriechischen zugleich den Tanzchor wie auch den Tanzplatz. Im Unterschied zum gewohnten Verständnis des Chors als einer Gruppe von Menschen legen wir den Fokus auf die Elemente, die zusammen einen Chor im räumlichen Sinn bilden: auf Stimme, Bewegung und Ort. Aus diesen Elementen bauen wir eine Reihe chorisch-räumlicher Konstellationen, die sich zwischen Tanz, Skulptur und Konzert erfahren lassen. Der Text des dabei verwendeten Chorlieds wurde eigens und in einem stark rhythmisierten antiken Versmaß, dem Anapäst, geschrieben.

Alle Konstellationen in Choros sind von der Kreisform bestimmt, in jeder einzelnen Konstellation geht es darum, was ein Kreis sein kann – nicht als stillgestellte geometrische Form, sondern als fließender Rhythmus. Mit Raumchor und Kreis als Grundform arbeiten wir an unterschiedlichen Konstellationen aus Bewegung, Sprache/Gesang und Positionierung im Raum, sowohl des Chors wie der ZuschauerInnen. Choreographiert wird der gesamte Raum als Geschehen.

Probenbeginn: Dezember 2016 bis Anfang Juli 2017, anfangs jeweils ein Termin alle zwei Wochen zu jeweils 3–4 Stunden, Zeiten nach Vereinbarung, später öfter. Für Juli 2017 planen wir die Präsentation in Berlin. Die Arbeit wird honoriert.

Interessierte melden sich bei ms@moritzmajcesandraman.com

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Choros, Modellansicht

Choros I

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Choros, September 2016

Choros ist ein künstlerisches Forschungsprojekt zum Chor als Einheit aus Ort, Bewegung und Stimme. Der Arbeitstitel Choros benennt die Zusammengehörigkeit von Tanzchor und Tanzplatz im antiken Griechenland. Es ist strittig, ob das Wort den Ort oder den Chor meinte.

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Choros, September 2016

Wie Judson Dance und Minimal Art legen wir in unseren Arbeiten den Schwerpunkt auf die räumlichen Bezüge zwischen Körpern. Archaische Chorformen vor der Entstehung von Theater und Drama haben uns dabei auf die Idee gebracht, Chor und Choreographie nicht als darstellende, sondern als Raum-Kunst zu verstehen und zu machen.

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Choros, Chorlied, Auszug

In Choros arbeiten wir mit einem von uns so genannten Raum-Chor und dem Kreis als Grundform an mehreren Konstellationen aus Bewegung, Sprechen/Singen und Positionierung im Raum, sowohl des Chors wie der ZuschauerInnen. Der dabei verwendete Text wurde eigens dafür in einem stark rhythmisierten Versmaß, dem Anapäst, geschrieben.

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Choros, September 2016

Die erste zweimonatige Forschungsetappe mit einem achtköpfigen Raum-Chor haben wir gerade abgeschlossen. Wir danken Christine Börsch-Supan, Jana Elhardt, Kysy Fischer, Stella Maxeiner, Sonia Noya, Nina Olczak, Martin Weller und Marie S. Zwinzscher.

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Choros, September 2016

Choros

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Choros, Modellansicht

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Drehbühne, erster Prototyp mit Canvas Chairs

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Choros, Modellansicht

Teilnehmende für KREISLAUF gesucht (OVER)

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Kreisläufe

Für das Projekt KREISLAUF (Arbeitstitel) suchen wir ab Mitte Juli 2016 wieder Teilnehmende aus den Bereichen Tanz-, Sprech- und Bewegungschoreographie für die Arbeit an einem »Raum-Chor«. Der Raum-Chor spricht und bewegt sich gleichzeitig, ist viele und einer, Einklang und Mehrstimmigkeit, zwischen Skulptur und Choreographie. Bei jeder Arbeit stellt sich auf neue Weise heraus was das eigentlich heißt: Chor zu sein. Motivisch geht es um den Kosmos in unserem Kopf – Gesicht und Gehirn, sein Außen und sein Innen, seine Flächen und Höhlen. Aus ihm wollen wir einen vielstimmig kreisenden Welt-Raum gebären, ein mehrköpfiges chorisches Monstrum.

Dafür suchen wir Leute, die Lust auf intensive und präzise Chor-Arbeit haben, Freude an der Herausforderung und am Zusammen-Sprechen und Zusammen-Bewegen. Es gibt keine formalen Voraussetzungen, wir freuen uns auf Offenheit und professionelle Sprech-, Bewegungs- und Tanzerfahrung.

Probenbeginn: Mitte Juli über den Sommer, etwa drei Termine pro Woche zu jeweils 3–4 Stunden, Zeiten nach Vereinbarung. Wir können ein kleines Honorar bezahlen. Für Herbst 2016 und Frühjahr 2017 planen wir Präsentationen in Berlin und Wien.

Interessierte melden sich bei ms@moritzmajcesandraman.com