Archiv für den Monat: November 2013

Zuschauer_in

MM: Meist versteht man den Zuschauer als Konsument, als Kunde. Und der Kunde ist, wie es heißt, König. Oder auch Richter. Aber was, wenn der König weder weiß, worum es geht, noch worum es nicht geht und sich trotzdem alle nach ihm richten? Warum gibt es keine Ausstellungen oder Theaterstücke, die dem Zuschauer ernsthaft abverlangen, sich als notwendige Voraussetzung entsprechend darauf vorzubereiten? Ist es verrückt, wenn auch der Künstler vom Zuschauer verlangt etwas zu »können«? Und was könnte das sein, das er können soll?

SM: Was der Zuschauer »können« soll, muss das jeweilige Kunstwerk beantworten (oder herausfordern, provozieren). Kunst im elementaren Sinn holt eine Offenheit hervor, die ansonsten abgedichtet ist. Sie trifft mich in einer Zone, von der ich vorher nicht wusste, dass ich sie habe oder bin. Überraschung! Darauf kann ich mich nicht vorbereiten.

Ich glaube, die Zuschauerin kommt nicht irgendwann im Nachhinein dazu, sondern ist im Machen immer schon da. Dieses Machen ist deutlich passiver als man es sich gemeinhin vorstellt; mit »passiv« meine ich, dass in ihm ein Antworten liegt, was irgendeine Weise des Dialogs, des Gesprächs voraussetzt – selbst, wenn es sich um ein Selbstgespräch handelt (dann unterhält sich ein Selbst mit sich und auch das sind dann schon mal zwei). Die Zuschauerin kann sich auf ein Kunstwerk nur deswegen einlassen (oder nicht einlassen), weil sie in gewisser Weise schon in es eingelassen ist.

Oder anders gesagt: Als Zuschauerin fühle ich mich verarscht, wenn evident ist, dass man an mich gedacht hat im Sinne einer Vorgabe: ich soll belehrt, unterhalten oder noch schlimmer »abgeholt«, »mitgenommen« oder ganz schlimm: »mitgemacht« werden. Wenn ich merke, dass meine Reaktion vorprogrammiert ist, dass man sich mich vorgestellt hat. Ich merke als Zuschauerin, wenn ich zur Produktpräsentation geladen bin.

Es ist etwas ganz anderes, wenn ein Kunstwerk eine Erfahrung von Fremdheit, von Unverwandtheit ermöglicht. Dann hat es mich ernst genommen, dann spricht es mich an und fängt mit mir etwas an – dann hat es an mich gedacht ohne mich zu kennen und einzuschätzen. Dann schätzt es mich. Aber nicht, wenn ich merke, man hat unentwegt schon beim Herstellen an mögliche und wahrscheinliche Reaktionen gedacht. Wenn das Kunstwerk aber eine Erfahrung von Fremdheit, von Unverwandtheit ermöglicht, dann deswegen, weil auch die, die es machen, es nicht beherrschen oder kontrollieren (das ist ihre Passivität beim Machen). Weil sie selbst nicht wissen, wie »das« passieren konnte; sondern eigentlich nur den Rahmen gesetzt haben, damit etwas passieren kann. Oder auch nicht – das ist dann Scheitern; aber dieses Scheitern ist eine ganz andere Leere als der Bestätigungsleerlauf des Vorhersehbaren.

Verständlichkeit

MM: Es gab oft Missverständnisse, wenn wir versucht haben unsere Arbeiten im Vorfeld zu erklären, sie mal als zu anspruchsvoll, kompliziert, schwer einordenbar verstanden wurden, während sie andererseits wie selbstverständlich auf die wirken, die die eigentliche Arbeit sehen. Ich glaube es geht nicht darum, die eigene Arbeit zu erklären, als hätte man ein vollständiges Verständnis all ihrer Hintergründe und Nuancen, sondern darum ihr eine stimmige Begleiterzählung mit auf den Weg zu geben und ihr eine weitgehend freie Entfaltung zu ermöglichen – quasi als Door Opener. Also keine fertige Interpretation, Erklärung oder Kontextualisierung, sondern Eindrücke, Richtungen, Bezüge, ein Gefühl, womit und warum und auf welche Weise man sich mit etwas beschäftigt hat. Ein Reisebericht, der der Leserin unterschiedliche Zugänge ermöglicht, ihr Lust auf eine Reise macht, aber eben kein Reiseführer, der minutiös vorgibt, wo und wie die Sehenswürdigkeiten zu finden sind.

Es ist nicht Aufgabe des Kunstwerks, Themen oder Inhalte zu präsentieren. Was nicht heißen soll, bei seiner Beschreibung auf inhaltliche Bezüge zu verzichten. Der Inhalt ist ein Ausgangspunkt, das vorgefundene, abstrakte Material einer konkreten, künstlerischen Formfindung, die auch zu einem neuen Verständnis von Inhalt und damit einem neuen Umgang mit neuen Inhalten führen kann; vielleicht liegt hier der Anknüpfungspunkt zu einer politischen Praxis. Und gerade weil der Inhalt zum Material eines Formierungsprozesses wird, besteht zwischen beiden eine notwendige, aber nicht hierarchisch ableitbare Beziehung: so führt bei uns zB die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Forderung nach einer politischen Funktion der Kunst in Jetzt Wird‘s Ernst zur Form einer gegenseitigen Verdoppelung des Verhältnisses von Objekt und Text; oder in So Gut Wie Genug die thematische Auseinandersetzung mit einer rundum behaupteten Krisenstimmung zu einem Aufstand der Bilder, der auf Formebene bildhaftes, skulpturales und theatrales Moment ineinander schob.

Wenn man einen Antrags- oder Pressetext über die eigene Arbeit schreibt, steht man vor dem Dilemma: selbst nichtkünstlerischer Zwecktext, soll er die eigene künstlerische Praxis in Bezug auf ihre gesellschaftliche Relevanz, dh Verortung, Verstehbarkeit, Vergleichbarkeit rechtfertigen. Die Frage: Worum geht es hier? muss zufriedenstellend, in sich abgeschlossen, nach einem bestimmten, nicht hinterfragbaren Prinzip, beantwortet werden, selbst wenn genau diese Voraussetzungen im künstlerischen Werk in Frage gestellt werden. Wie sehr man auch versucht, dagegen anzuschreiben, muss man davon ausgehen, dass die LeserInnen sich an das Verstehensmodell halten werden, das man uns von klein an angewöhnt: das Modell des einzuordnenden Inhalts – die Bedeutung einer Sache als Botschaft, die sich mit anderen Botschaften erst vergleichen und dann beurteilen lässt. Eine Sache existiert, wenn sie verglichen und beurteilt werden kann, zur Bestätigung der Vergleichs- und Urteilsfähigkeiten des kleinen großen Richters in uns. Verstehen heißt dann festzustellen, dass etwas noch Unverständliches auf etwas bereits Bekanntes verweist um dann das erste – die Sache, auf die man stößt – durch das zweite – seine eigentliche Bedeutung – möglichst restlos zu ersetzen. Das Kunstwerk wird in dieser Betrachtung zum Träger (»Form«) eines zu übersetzenden »Inhalts«, dessen »Zugänglichkeit« dann optional in Form einer von ExpertInnen zur Verfügung gestellten Bedienungsanleitung erleichtert wird. Man verlangt nach eindeutigen, »verständlichen« Antworten und kommt nicht mal auf die Idee, dass die Fraglosigkeit dieser Fragestellung ein Problem bzw. sogar den eigentlichen Ort der Auseinandersetzung darstellen könnte.

Wenn man nun als Künstler etwas macht, von dem man glaubt, dass es von der allgemeinen Sichtweise übersehen wird, was soll man dann den anderen sagen um es doch sichtbar zu machen? Verweigert man sich der Forderung nach Verständlichkeit, läuft man schnell Gefahr als rätselhaft, ungenügend, irrelevant ausgeschlossen zu werden. Erfüllt man die Forderung, wird das Werk als weiteres Bedeutungsangebot unter anderen abgehakt, kategorisiert, katalogisiert.