Archiv für den Monat: Juli 2016

Raumchoreographie

Wir nennen unsere Arbeiten Raumchoreographien. Unter »Raum« verstehen wir ein fließendes, dynamisches Feld von Kräften, das sich von der Vorstellung eines vorhandenen, erst mit Inhalt zu füllenden Behälters unterscheidet. »Choreographie« ist für uns die Bewegung des Raums selbst, all seiner ihn ausmachenden Elemente und Bezüge.

Die Raumchoreographie ist weder Installation noch Inszenierung. Sie spielt sich in Konstellationen ab, im Fließen eines räumlichen Geschehens durch lebendige Körper, TänzerInnen wie ZuschauerInnen, ihrer Bewegungen, Klänge, Stimmen und durch Objekte, Bilder, Videos. Sie ist ein Zusammenspiel aus verschiedenen Elementen und Qualitäten, die Bewegungen, Schwingungen und Rhythmen, die durch die Teilnehmenden hindurchgehen und sich zwischen ihnen entfalten.

In der Raumchoreographie gibt es kein einseitig frontales Gegenüber von Bühnen- und Zuschauerraum, sondern eine fließende Gesamtumgebung. Das Publikum ist Teil eines Areals, der Raum-Chor sein Bewegungsmoment. Er ist zugleich Protagonist, Ort und Handlung einer Raumchoreographie und bringt Bühne wie Zuschauerraum hervor. Je nachdem, wie er sich bewegt, ermöglicht er Weg und Position des Publikums in der von ihm eröffneten Landschaft. Wie schon das alte Wort chorós ist der Raum-Chor nicht eindeutig zuordenbar, meint sowohl die beteiligten Menschen wie auch ihren Ort, den Tanzplatz, etwas, das zugleich und zwischen Körper und Raum ist. Das macht ihn fremdartig, lädt zu einer Art »Doppelsehen« oder »Doppelerfahrung« ein. Der Raum-Chor transformiert Status und Rezeptionsart, die Besucherin/der Besucher erfährt neben dem Was? auch das Wie? und Wo? des eigenen Rezipierens.

Die Raumchoreographie ist weder eindeutig darstellende noch bildende Kunst. Vom Bühnenbild unterscheidet sie sich dadurch, dass es sich nicht um den Rahmen handelt, in dem eine Handlung stattfindet; von der Rauminstallation, dass es nicht darum geht, einen Raum auszustellen, sondern dass der Raum agiert, fließt, handelt – Geschehen ist. Das räumliche Geschehen ist auf nichts gerichtet, macht keine Aussage, ist eine körperliche Erfahrung von Entstehen im Hier und Jetzt.

Die Raumchoreographie ist künstlerische Erfahrung auch im Sinne des Rezipierens. In jeder raumchoreographischen Arbeit sind es andere Weisen des Teilnehmens, Zuschauens, Zuhörens, die ihre jeweils eigenen Kontexte hervorbringen. Das Publikum gehört wesentlich zur Konstellation dazu, ist mitchoreographiert als Teil eines Raum-als-Geschehen.