Archiv für den Monat: Dezember 2016

Choreographie als Raumkunst

I


Wir sehen und machen unsere Arbeiten als Choreographien, verstehen Choreographie aber als Raumkunst. Damit wollen wir sagen, dass wir nicht von einem tanzenden oder sich bewegenden Subjekt ausgehen, sondern Raum, räumliche Bezüge für uns im Vordergrund stehen. Wir nehmen in unserer Praxis ernst, dass Dasein ein sich bewegendes und bewegtes, relatives und relationales miteinander-Sein ist. Wir arbeiten an Bezügen in einem Körper, zwischen Körpern, zwischen Körpern und anderem, z.B. technischen Geräten oder Objekten; wir arbeiten an Wahrnehmen (Hören, Sehen, Fühlen), sich bewegen/bewegt-Werden, Sprechen, Schauen als Weisen und Kräfte des sich Öffnens und sich aufeinander Beziehens.

»Choreographie als Raumkunst« ist weniger Definition als offene Richtung eines gegenwärtigen Suchens und Forschens. Nicht nur wir interessieren uns choreographisch für Raum und/als Bewegung, viele Arbeiten im Grenzbereich von bildender und darstellender Kunst tun das und verändern aktuell sowohl die Sicht darauf, was Installation oder Skulptur heißt, wie auch die auf das, was eine Bühne und ein Zuschauerraum ist. Sie gehen in beiden Künsten über herrschende Dispositive von (Objekte) Ausstellen und (Subjekte) Aufführen hinaus.

Diese Transformation schließt auch die Rezeption mit ein. Wenn Choreographie als Raumkunst verstanden und gemacht wird, stellt sich die Frage, wie Zuschauen? Wenn kein Stück als Gegenüber gezeigt wird, es nicht um das geht, was im (Bühnen)Raum stattfindet, sondern um Tanzen, sich Bewegen, Sprechen, Schauen usw. als Material und als sinnliche Materialität der räumlichen Bezüge selbst, dann bringt das ein anderes Dabeisein und Zuschauen hervor als z.B. eine Theatervorstellung. Das Schauen, das zu einer so gemachten Arbeit gehört, hat mehr vom z.B. in der bildenden Kunst geübten kontemplativen oder meditativen Blick; es gleicht eher einem »Mitschauen«, einer bestimmten Art von sich-Versenken als einem das Gegenüber in den Blick nehmenden Zuschauen.

II

Mit Raum meinen wir sich-Beziehen, mit Bezug meinen wir Bewegung. Daher nennen wir unsere Arbeiten Raumchoreographien. Wir versuchen, das sich-Beziehen-auf primär zu sehen und entsprechend zu arbeiten. Wir arbeiten nicht mit etwas – einem Text, einem Konzept –, den wir inszenieren oder das wir umsetzen. Wir beginnen mit Räumen als Tun: In Festung / Europa haben 28 Menschen zusammen und jeweils mit ebenso vielen Wandelementen hantiert und in monatelangen Proben Bewegungen zwischen statisch und dynamisch gefunden; daraus ist schließlich ein Raumrhythmus entstanden, der aufgeführt wurde und dabei die BesucherInnen miteinschloss. In Narziss Echo arbeiten wir mit dem Tänzer Charlie Fouchier am Mittelpunkt als Selbstbezug und an Schauen als sich und andere bewegen; mit der Sängerin Christine Börsch- Supan erforschen wir Sprechen und Singen als überall-Sein. Zusammen entsteht ein Pulsieren aus Punkt und Sphäre, aus Sehen und Hören, aus Blicken/angeblickt-Werden und Sprechen/ angesprochen-Werden. In unserer Serie Choros setzen wir uns mit Chor als Raum, als Milieu aus Mitsprechen, Mitsingen, Mithören, Mitfühlen, Mitbewegen und Mitschauen, das weder vom Individuum noch vom Kollektiv ausgeht, auseinander.

III


Wir interessieren uns für den Chor in Choreographie und beschäftigen uns mit der abendländischen Geschichte des Chors, vor allem mit jener vor dem Beginn des Theaters. Der tanzende, singende, sprechende Chor auf einem Platz – Choros ist der altgriechische Name für den Chor wie auch für seinen Versammlungsort –, von dem man nicht sehr viel weiß, weil er nicht viele Spuren hinterlassen hat, ist in seiner Unbestimmtheit und Fremdheit eine Inspirationsquelle. In allen Arbeiten, aber explizit in der nach ihm benannten fortlaufenden Serie Choros, forschen wir danach, was ein Chor sein kann, der eigens für sich ist, keine Protagonisten kennt und nicht in eine theatrale Handlung eingefügt ist.

Dabei setzen wir weder einen bestimmten, nach der Ausdrucksform unterschiedenen Chor – Gesangs-, Sprech-, Bewegungschor – voraus, noch fragen wir nach dem Wer? des Chors. Wir versuchen auch nicht, die Spannung zwischen Individuum und Kollektiv zum Thema des Chors zu machen, sondern »chorisch« bedeutet für uns, im fließenden Zwischen der Teilnehmenden (und dazu gehören auch die BesucherInnen) zu arbeiten. Das heißt, miteinander Sprechen, Singen, Gehen als sich-aufeinander-Beziehen zu begreifen und an diesen sinnlich-materiellen Bezügen so zu arbeiten, dass sie nicht für etwas anderes (Mitteilung, Können) verwendet werden, sondern als solche primär und explizit (als ausgestellte erfahren, wahrgenommen…) werden. Einen Chor macht für uns aus, dass und wie sich die Teilnehmenden einander hörend und aufeinander schauend, miteinander sprechend, singend, sich bewegend wahrnehmen und sich für die zwischen ihnen entstehenden Klänge, Rhythmen, Kräfte etc. durchlässig machen. Münder, Augen, Ohren sind Öffnungen füreinander.

IV


Globalisierung als Transformation durch Technologie ist eine Sache der Welt als Raum und nicht mehr der fortschreitenden Zeit und damit der Geschichte mit ihrem Subjekt. Raum heißt in der Philosophie, in der Kunst und in der Physik seit langem Relativität und Relationalität. Es gibt in einem so verstandenen Raum keinen Mittelpunkt, die Bezüge sind primär. Wenn sich gerade jetzt Tanz und Choreographie am Raum abarbeiten und so inspiriert neue Formen, Intensitäten, Kräfte finden, dann betreiben sie damit auf ihre Weise eine Dezentrierung des Subjekts und suchen nach anderen Fluchtlinien. Im sich bewegenden und bewegt werdenden menschlichen Körper, der im Tanz und in der Choreographie als solcher im Zentrum steht, schwingen in aller Heftigkeit Fragen nach Unmittelbarkeit mit, die er auf- und verwirft. Wenn es aber nicht darum geht, diesen menschlichen Körper im Namen eines »post« zu »überwinden«, sondern tatsächlich woanders anzusetzen und Körper als Öffnungen, Sinn als in alle Richtungen gehendes sich-aufeinander- Beziehen zu denken und zu machen, dann ist der Tanz und die Choreographie nicht zufällig das Feld, in dem das stattfinden kann. Die bildende Kunst, vor allem die Geschichte der Skulptur ist deswegen oft Inspirationsquelle, weil in ihr das Verhältnis von Figur und Raum(wahrnehmung) explizit Thema wird, spätestens mit Giacometti und über die Minimal Art bis in die Installation.