Archiv für den Monat: August 2017

Choros II

4

Choros, Juni 2017

Choros ist Forschung an Verbindungen. Wir schauen, sprechen, hören, berühren und bewegen uns aus den Relationen untereinander, zu den ZuschauerInnen und dem Raum heraus. Die Essenz eines Chors ist die Verbundenheit der Teilnehmenden untereinander. Das Zusammensein mehrerer und ihr gemeinsames Tun ist das Faszinierende eines Chors. Diese Gemeinschaft zeichnet ihn aus und sie teilt er mit den ZuschauerInnen. In einer Gegenwart, die als individualistisch bis zum Narzissmus, detached bis zur Isolation und vereinsamt bis zur Depression erfahren wird, ist ein Gemeinsames ebenso fragwürdig wie anziehend wie verführerisch. Wir suchen und experimentieren mit der Frage, was ein Chor sein könnte vor dem Hintergrund dieser persönlichen, politischen, gesellschaftlichen Erfahrungen und Bedrohungen. Wir wollen als Antwort darauf die chorische Verbundenheit als eine verstehen, die mit den Beziehungen untereinander spielerisch umgeht und so nicht vereinheitlicht, sondern allen Teilnehmenden Raum gibt und lässt. Wir sehen den Chor als eine Weise geteilter – auch mit den ZuschauerInnen geteilter – Freiheiten und Spielräume: Wir wollen mit den Räumen zwischen uns, zwischen den Zuschauenden und den Performenden spielen. Jenseits von totalem Ichbezug und geschlossenen Gesellschaften wollen wir mit dem Chor ein gemeinsames Offensein füreinander und für die ZuschauerInnen finden und erfahren.

4

Choros, Juni 2017

Für das Publikum ist Choros eine Teilnahme-Erfahrung jenseits von still gegenübersitzen und forciertem Mitmachen. Durch die Veränderung der Positionen – sitzen/stehen/gehen/liegen und der Abstände zum Chor – gerät der körperliche Aspekt des Publikum-Seins in den Vordergrund: Wie verändert sich mein Sehen dadurch, wo ich im Raum bin und in welcher Haltung? Wie ändert sich mein Wahrnehmen und Teilnehmen dadurch, dass ich mittendrin bin und nicht außerhalb des Geschehens? Welche unterschiedlichen Energien gehen von den anderen ZuschauerInnen aus, je nachdem, wo sie sich befinden? Wo fällt es leichter, sich zu öffnen, in welchen Konstellationen entsteht ein gemeinsamer Sog, wo ist es eher distanzierter? – Solche Fragen tauchen in Choros zum Verhältnis von Zuschauenden und Chor auf und wir verstehen die Arbeit auch als ein »Zuschauertraining«. Es geht uns um mehrdimensionale und körperliche Zuschauererfahrungen.

4

Choros, Modellansicht

»Chor« heißt für uns nicht Verpflichtung zu einer übergeordneten Einheit, sondern sich einlassen auf die vielfältigen Bezüge untereinander. Ein Chor ist für uns weder die Addition von Einzelnen, noch ein Kollektiv. »Chorisch« ist ein Miteinander aus Blicken, Bewegungen und Stimmen als Bezug zum Publikum. ZuschauerInnen sind nicht einem Geschehen gegenüber, sondern gehören – zuschauend, zuhörend – zu ihm dazu.

4

Choros, Juli 2017

Die zweite dreimonatige Forschungsetappe zu Choros mit einem achtköpfigen Raum-Chor haben wir gerade abgeschlossen. Wir danken Zoé Alibert, Viviana Defazio, Katherine Gorsuch, Olivia Patrizia-Kunze, Stella Maxeiner, Sonia Noya, Fausta Scarangella und Sinja Völl.