Notizen zum Zuschauen

Choros-Studien (I) + (II) (2016, 2017)

In unseren Choros-Studien setzen wir uns mit dem choreographischen Wesen des Chors auseinander, mit seinen Ursprüngen und Grundsätzen jenseits des Sprech- und Singchors im Theater bzw. Konzert. Uns interessiert ein Chor, der seine Bühne mit seinem Auftreten erst schafft und der Tanzen, Singen und Sprechen nicht voneinander trennt. Der altgriechische Titel »Choros« denkt Chor, Reigen und Tanzplatz – also Körper, Bewegung und Raum – zusammen. Choros I + II sind Studien, jeweils mehrmonatige regelmäßige Proben mit acht bzw. sechs Performer*innen, immer wieder offen für Publikum.

In Choros bewegen sich alle, Performer*innen wie auch Besucher*innen. Der Raum ist groß und leer, es gibt kein künstliches Licht, die Performance findet zur Dämmerung statt, beginnt bei Tageslicht, endet im Dunkeln. Die Performer*innen gehen in Kreisen, sie sind zugleich aufeinander und auf das Publikum bezogen. Bezogen heißt, dass jeder*jedem im Raumchor im Gehrhythmus, in Blicken und in der Raum- und Körperwahrnehmung insgesamt bei sich und allen anderen ist. Der Chor hat keine/n LeiterIn, sondern die Weise des Gehens, die Raumaufteilung und schließlich auch die Art des Sprechens und Singens entsteht immer wieder neu aus dem Miteinander der Beteiligten heraus. Es geht um ein andauerndes mehrdimensionales bei sich und bei den anderen sein – gehend, schauend, hörend, fühlend, sprechend, singend. Diese Art des mehrdimensionalen aufeinander-Bezogenseins im Gehen, Sprechen, Schauen, Hören, Fühlen trainiert der Chor intensiv über längere Zeit. Wir arbeiten an der Verortung im Raum, der Erdung im Boden, der Verbundenheit untereinander, dem gegenseitigen einander Anschauen und Angeschaut werden, dem sich Öffnen und auf mehrere gleichzeitig Beziehen, dem immer wieder Entspringen des Rhythmus’ aus dem miteinander Gehen und Sprechen heraus.

Wenn die Besucher*innen in den Raum kommen, hat der Chor bereits begonnen, d.h. man betritt einen ansonsten leeren Raum, in dem sechs Personen Kreise gehen. Sie gehen regelmäßig, ihre Bewegungen sind gleichförmig, es gibt keine abrupten Wechsel in Richtung oder Geschwindigkeit, es fließt. Als Zuschauer*inn kann man sich bewegen, wie man möchte. Man kann stehen, umhergehen, näher kommen oder auf Distanz bleiben. Man ist aber nie draußen: Der Raumchor bezieht sich auf die Zuschauer*innen, d.h. je nachdem, wo die Besucher*innen sind und sich bewegen, verschiebt sich, dehnt sich oder kontrahiert der Bewegungsraum des Chors. Die Performer*innen bewegen sich in Relation zu den Besucher*innen, auf sie zu, um sie herum und schauen nicht nur einander an, sondern haben auch Blickkontakt mit den Zuschauer*innen. Sowohl die Bewegungen wie auch die Blicke sind dabei ohne Absicht, es ist ein Kontakt im Moment des Vorbeigehens, es wird nichts erwartet. Die Performer*innen lassen sich anschauen, die Offenheit des Blicks will nichts Bestimmtes, sie ist offen für den Blick der/des anderen.

In Choros bewegen sich potenziell alle, trotzdem verschmelzen sie nicht, Performer*innen und Zuschauer*innen sind nicht gleich und haben nicht dasselbe zu tun. Die Aufgaben der Performer*innen sind nicht die der Zuschauer*innen, die Performer*innen bereiten den Besucher*innen einen Raum, sie schaffen ihn durch ihre vielfältigen Relationen, durch ihre Bewegungen geben sie sich und den anderen Raum, lassen sie einander und den besuchenden Teilnehmer*innen Raum. Dieses Räumen oder Einräumen ist die eigentliche Handlung in Choros. Die Einladung, die dabei an die Zuschauer*innen ergeht, ist, mit dem eigenen Körper räumliche Verhältnisse wahrzunehmen, Abstände und Annäherungen zu erkunden. Der Plural ist dabei wichtig, weil man auf bestimmte Weise die Rezeption in Choros mit der klassischen Betrachtung einer Skulptur vergleichen kann, aber eben mit dem entscheidenden Unterschied der Pluralität und der Bewegung. Trotzdem ist der Vergleich sinnvoll: Die klassische Betrachtung der Skulptur besteht darin, dass sich ein/e BesucherIn um die frei im Raum stehende Plastik herumbewegt. Im Unterschied zur eher statischen Bildbetrachtung ist die ästhetische Begegnung mit einer Skulptur bewegt, räumlich und setzt den eigenen Körper in Relation zu ihr. Man kommt näher, geht rundherum, geht weiter weg, spürt die Spannung von Abstand und Nähe, erfährt den Zwischenraum. Bei Choros ist das ähnlich, nur dass es nicht um eine Zweierbegegnung geht, sondern um vielfältige Relationen sowohl zu den Performer*innen wie auch zu den anderen Zuschauer*innen, die außerdem alle in Bewegung sind. Warum der Vergleich mit der Skulpturbegegnung trotz der Unterschiede fruchtbar ist, liegt darin, dass es um eine räumlich-körperliche Beziehung geht: Man geht herum, tritt zurück, kommt näher, um genau diese Abstände, ihre Spannungen und Intensitäten zu erfahren. Die Plastik öffnet diesen Raum, lässt den Raum zwischen mir und sich entstehen, und sie handelt dabei nicht und erzählt nichts. Dieser Aspekt – dass es um das Entspringen von Räumlichkeit geht – verbindet die Skulpturbetrachtung mit jener Erfahrung, zu der Choros einlädt.

Wenn also auch das Ausgangssetting ganz anders als in Festung / Europa ist, wenn sich hier potenziell alle im Raum bewegen, während in Festung / Europa das Publikum exponiert sitzt, und sich der Raum um es herum bewegt, ist die Einladung zur Teilnahme doch ähnlich: Nicht als Interagieren mit den Performer*innen, als Folgen einer Handlung, Verstehen eines Konzepts oder Bewerten einer Form findet die mögliche Teilnahme statt; sie ist basaler und primär körperliche Wahrnehmung und Erfahrung eines Raumrhythmus, der sich zwischen allen Beteiligten bewegt.