Notizen zum Zuschauen

Zuschauertraining

Im Kern ist jede unserer Arbeiten ein Zuschauerraum. Ein Raum für ZuschauerInnen und einer, den die zuschauend Teilnehmenden wesentlich mit ausmachen. Damit meinen wir noch etwas anderes, als dass Energien und Reaktionen des Publikums an einer Aufführung mitbeteiligt sind. Es ist radikaler und liegt darin, dass das, was man künstlerisch macht, Weisen des Zuschauens hervorbringt. Dieses Hervorbringen und Schaffen von Zuschauerräumen ist in diesem positiven Sinn auch etwas anderes als das Irritieren von Erwartungshaltungen. Solche Irritationen mögen beim Versuch, Zuschauen zu einem Geschehen zu machen, vorkommen, aber sie sind nicht die Absicht oder der Zweck. Es geht nicht darum, jemandes Erwartungen zu stören. Zugespitzt kann man sagen, dass wir nicht an etwas arbeiten, das wir dann anderen – dem Publikum – zeigen, sondern wir arbeiten am Zuschauen selbst. Ähnlich wie ein Bild oder Objekt oder Stück, machen wir einen Zuschauerraum. Einen Raum, in dem Zuschauen geschehen kann, d.h. als solches greifbar und erfahrbar wird und weniger das Zuschauen von etwas ist. Der Raum-Chor bereitet den Zuschauerraum, damit Zuschauen stattfinden kann. Er macht nicht etwas, dem zugeschaut wird. Etwas formelhaft kann man auch sagen, der Raum-Chor selbst ist der Zuschauerraum. Er ist oder macht nicht noch etwas anderes, sondern seine Bewegungen sind das Räumen, Raum-Lassen, Raum-Geben des Zuschauerraums. Raumchoreographien sind immer Zuschauerräume.

All das, was wir hier beschreiben und in unseren Arbeiten machen, ist einerseits ganz anders als die Zugänge vieler anderer Kunstwerke und zugleich auch nicht. Es ist ganz anders, weil wir so explizit auf dieses Zuschauen zugreifen, es ist gleich, weil in jeder künstlerischen Arbeit die Art, wie (sie) gesehen wird, implizit ist und mit ihr hervorgebracht wird. Es geht wahrscheinlich in jedem Kunstwerk um Zuschauen als Transformation und eine Transformation des Zuschauens.

Für uns ist diese Transformation des Zuschauens nicht implizit, es geht uns explizit um Zuschauen als das Geschehen unserer Arbeit. Dieses Herausstellen des Zuschauens ist eine Veränderung, die nicht selbstverständlich ist. Sie braucht eigens Beachtung und es stellt sich die Frage, wie ZuschauerInnen für das Zuschauen selbst sensibilisiert werden können, wie Zuschauen vorbereitet werden kann; wie der Akt des Zuschauens nicht so sehr als einer des Urteilens, sondern als einer des Wahrnehmens bewusst werden und in einer Arbeit genossen werden kann. Wie es also ein Zuschauertraining geben könnte, das die Spielräume und Möglichkeiten erschließt, die ich als ZuschauerIn habe. Wir meinen damit ein körperlich-sinnliches Training, das anders ist als unsere herkömmliche Vorbereitung auf ein Kunstwerk. Normalerweise besteht eine solche Vorbereitung einerseits in der Beschäftigung mit dem konkreten Werk (man liest sich ein, man hört sich ein, man verfolgt die Arbeit eines/einer KünstlerIn über längere Zeit…) und andererseits in kunstgeschichtlichem Wissen. Man kennt sich in jedenfalls einer Kunstgattung historisch aus. So vorbereitet, kann man vergleichen und einordnen, beurteilen, ob etwas neu oder epigonal ist. Das ist nicht schlecht, weil jede solche Vorbereitung unweigerlich mit sich bringt, dass man Zeit mit einer Arbeit verbringt, in gewisser Weise schon bei ihr ist, bevor man sie sieht. Es geht nicht darum, solches Wissen und Urteilen abzulehnen, es trifft aber nicht das, worum es bei Raum- und Körperwahrnehmung geht.

Jenseits von sich Einlesen und Kennen der Kunstgeschichte wollen wir im Rahmen kommender Arbeiten herausfinden, was passiert, wenn es tatsächlich Zuschauertraining gibt, das nicht nur auf die kognitiven Möglichkeiten des Sehens und Verstehens aufmerksam macht, sondern den Körper als Wahrnehmungsquelle und Resonanzraum ins Zentrum rückt und zum Urteilen auch das Aufnehmen und Geschehenlassen dazukommt.