Neue Notizen zur Raumchoreographie

Seit Beginn unserer Zusammenarbeit machen wir Räume. Räume sind für uns Ausgangspunkte für Bewegungen. Wir choreographieren Räume, die von Tänzer*innen, Performer*innen mit oder ohne Objekte gemacht, geformt und bewegt werden; Räume zwischen Tänzer*innen und Performer*innen, die Bezüge untereinander, Abstand und Berührung, Nähe und Ferne zu ihren Impulsen werden lassen; Räume, die sich bis in Videobilder erstrecken und Videobilder, die räumlich installiert werden, eigene Bildräume schaffen; Räume jenseits empirischer Erfahrung – Welt-Räume –, die in Texten beschrieben und aufgerufen, von Stimmen erzählt und besungen werden und die live oder aufgenommen über Kopfhörer oder Lautsprecher zu Hörräumen werden. Räume, die man beim Begehen, Betrachten, Zuschauen eigens wahrnimmt, erfährt, von denen man bewegt wird und die selbst in Bewegung sind. Diese Schichtung, Gleichzeitigkeit und Dynamik von Räumen nennen wir Raumchoreographie – als Kunst der Bewegungen von und zwischen Performer*innen, Bildern, Objekten, Sound, Texten, Zuschauer*innen. Alle Elemente einer Raumchoreographie entwickeln wir vom Körper her: die Videobilder zeigen Körper in Bewegung, und sind selbst körperlich gemacht – z.B. sieht man die Atembewegungen des filmenden Körpers; die Texte beschreiben Körper in Transformation und verdanken sich einem explizit körperlich verstandenen Schreiben; die Objekte sind Partner für Performer*innen, wir verstehen sie als Körper mit eigenen Schwingungen; der Sound – meist Sprache und (verfremdete) Naturgeräusche – ist immer nahe am aufgenommenen Körper, bei Stimmaufnahmen sind auch die Mundbewegungen zu hören; auch die Zuschauer*innen sind für uns vor allem Körper. Unsere Arbeiten adressieren alle Sinne, fordern zu freier Bewegung und Positionierung (Gehen, Stehen, Sitzen, Liegen) auf. Seit unserer letzten Arbeit, Choros VI, bieten wir ein vorbereitendes somatisches »Zuschauer*innentraining« an.

Mit der Raumchoreographie arbeiten wir an einem Genre, das die Präsenz und Intensität von Live-Performances mit der medialen Vielfalt und architektonischen Qualität von Installationen verknüpft und dabei neue Rezeptionsweisen jenseits von gemeinsamem Zuschauen (Publikum – Aufführung) und individuellem Betrachten (Besucher*in – Ausstellung) hervorbringt. Alle Stücke seit Die Umsetzung (2011) sind choreographische Anordnungen, die über die Opposition von Performance und Installation, Bewegung und Umgebung hinausführen. Durch unsere Beschäftigung mit dem archaischen Ursprung der Choreographie in der sechsteiligen Choros-Serie (2016–2018) kommt zur Einheit von Bewegung und Umgebung (z.B. in Festung / Europa, 2015 und in Narziss Echo, 2017) verstärkt die Dimension einer chorischen Vielheit und Gleichzeitigkeit dazu. In der letzten Arbeit – Choros VI (District Berlin, 2018) – fügt sich aus verschiedenen Elementen (Tanz, Video, Sound, gesprochene Texte, Objekte) eine chorische Landschaft, die zum Durchgehen, Verweilen, Sitzen, Liegen einlädt, zum sich Umhören und Umschauen von einem Ort und einer Bewegung zur anderen. Auch inhaltlich ist die Landschaft – bewegter Raum schlechthin – Motiv und Ausgangspunkt unserer Arbeiten: Die Transformationen von Natur im Klimawandel waren Themen der Choros-Stücke und setzen sich in den kommenden (Chora, 2019) und geplanten (Adam + Eva, 2020; Zone, 2021) Projekten fort. Die längerfristige Arbeit an einem Genre, deren Ausformulierung in einzelnen Werken und die künstlerische Reflexion des Gesamtprozesses und seiner Bezüge zu den Veränderungen des Planeten bilden den Horizont unseres Tuns.

Jede einzelne Arbeit, die wir machen werden, ist singulär; zugleich verfolgen wir die Weiterentwicklung eines Genres. Diese Genreentwicklung ist kein Selbstzweck, es geht nicht um »Interdisziplinarität«, sondern um eine Notwendigkeit, die sich aus dem Zusammenspiel zweier Dinge ergibt. Erstens: Wir arbeiten seit vielen Jahren zu zweit, mit unterschiedlichen künstlerischen Herkünften und Schwerpunkten. Unsere Zusammenarbeit multipliziert die Elemente, aus denen eine Arbeit besteht und fügt zusammen, was sonst oft getrennt ist: Literatur und Bewegung, Installation und Performance, Bild- und Live-Körper. Zweitens: Wir arbeiten so, weil wir die Überzeugung teilen, dass sich die gegenwärtigen globalen Transformationen auf künstlerische Formen auswirken, und es daher wichtig ist, sich dafür durchlässig zu machen, was auf dem Planeten geschieht. Dann stellen sich in der künstlerischen Arbeit vielleicht tatsächlich die Bewegungen des Erdkörpers aus. In ihrer Gleichzeitigkeit und Vielfalt tun sie das in verschiedenen Medien – Bildern, Texten, Performances, Objekten – und in den Beziehungen und Räumen dazwischen.

Genre

Wir arbeiten in Zwischenräumen, Bezügen, Gleichzeitigkeiten: Wie können nicht nur die Bewegungen tanzender Körper, sondern auch bewegte Bilder, sprechende Stimmen und Sounds als Körper mit eigenen Rhythmen und Dynamiken auftreten? Wie funktioniert eine »tanzende Installation« mit mehreren heterogenen und gleichzeitig agierenden Körpern, Objekten, Orten, Medien? Wie ein neu verstandener Zuschauerraum, der selbst Bühne ist? Welches Gefühl, welches Verständnis für Raum als Gleichzeitigkeit, für Bewegung als Einheit von Raum und Zeit braucht es beim Machen und beim Zuschauen? Raumchoreographie als Kunst nach der Trennung in Bühne und Zuschauerraum, in Bewegung versetzte Installation.

Vor allem die Choros-Serie (zuletzt Choros VI) von 2016–2018 hat uns neue Perspektiven auf Raumchoreographie als Genre eröffnet und gibt dessen künftige Entwicklung vor. Wir sind dabei, eine neue künstlerische Form zu finden, die sich sowohl einer intensiven und eigenwilligen Beschäftigung mit der Geschichte der Choreographie und der Kunst verdankt wie auch einer klaren und zugewandten Sicht auf die Welt in ihrem heutigen Zustand. Mit jeder Arbeit tauchen neue Elemente aus den Tiefen der Vergangenheit auf (der choreographische Chor und der Reigentanz, die Landschaftsmalerei, die griechische Rollbühne: das ekkyklema) und verbinden sich mit in die Zukunft weisenden Transformationen der Gegenwart (Technologien, Naturveränderungen wie Dürre, Verwüstung, Bodenschmelzen und ihre Auswirkungen auf Körper und Affekte). Mit jeder Arbeit akkumulieren die Elemente und Perspektiven und formen so ein Wechselspiel zwischen den einzelnen Arbeiten und der plastischen Idee einer Gattung »Raumchoreographie«.

Raum und Geschehen

Raumchoreographie als Genre und Methode fängt dort an, wo es um die künstlerische Beziehung zwischen Raum und Geschehen geht. Im Theater findet das Geschehen normalerweise auf der Bühne statt und die Leute sitzen im Zuschauerraum. In der Installation gibt es normalerweise kein Live-Geschehen, weil sich der Raum selbst ausstellt und ihn eine Performance in den Hintergrund rücken und zum Bühnenbild »degradieren« würde. In der Raumchoreographie geht es uns um beides, deswegen sprechen wir manchmal auch davon, dass sie eine »Live Installation« ist oder sagen, dass wir Zuschauerräume machen, die selbst Bühnen sind. Im Kern geht es um die dezentrierende Gleichwertigkeit und Gleichzeitigkeit von Raum und Geschehen, von Objekten, Medien und Körpern, von Live und Audio/Video.

Der Wunsch nach einem Genre, das Raum für die Gleichzeitigkeit verschiedener eigenständiger Bewegungsarten (Körper, Video, Audio, Objekte) und der Beziehungen zwischen ihnen schafft, kommt neben kunstimmanenten Entwicklungen – Medien pluralisieren und hybridisieren sich, Relationen werden wichtiger als Elemente – auch aus den massiven Transformationen unserer Welt. Die Umgebung, in der wir leben, ist überdeutlich kein stabiler, unbewegter Raum. Wir lernen, dass die uns umgebenden Dinge und Geräte Eigenleben und Auswirkungen auf uns und den Planeten haben und nicht einfach Werkzeuge sind; wir fangen an zu begreifen, dass Erderwärmung bedeutet, dass sich Zeitphänomene ändern und geologische Dauern (Gletscherbildung, Meeresspiegel, Verwüstungen) plötzlich Teil unserer Lebenszeit werden; wir hoffen, dass Gentechnologie die bisherigen Zeitlichkeiten von Wachstum, Mutation, Vererbung außer Kraft setzt und uns heilt oder ernährt und fürchten, dass sie uns krank macht; wir ahnen, dass die Hochgeschwindigkeiten von Daten- und Finanzströmen Effekte bis in unsere Körperzellen und Träume haben. Die Liste an raumschaffenden, raumverändernden Dynamiken ist heute endlos. Unsere Umgebung ist nicht einfach nur in Bewegung, es sind unüberschaubar viele verschiedene Zeitformen und Zeitlichkeiten, Zeitschichten und Zeitströme, die jederzeit alles durchziehen und den Raum verändern, in dem wir leben. Die heutige Welt ist die Gleichzeitigkeit und Interferenz verschiedener Zeitlichkeiten, die ununterbrochen alles in verschiedenen Geschwindigkeiten transformieren.

So gefährlich dieses Chaos an Bewegungen gesellschaftlich und politisch ist, weil es sich jeder aktuell praktizierten Berechen- und Lenkbarkeit entzieht, so sehr ist man zugleich künstlerisch davon fasziniert und inspiriert. Man fängt an, es als Naturzustand der Technonatur zu sehen. Die Pluralität und Heterogenität verschiedener Zeitlichkeiten und Interferenzen wird zum plastischen künstlerischen Material und führt zu neuen Formen. In unserer Arbeit hat sich diese Sicht auf den heterogenen Bewegungsraum eines sich digitalisierenden, globalisierenden und überhitzenden Planeten mit der zeitgleichen Beschäftigung mit den Ursprüngen der Choreographie geformt und mit ihr überblendet.

Archaischer Choros und Technonatur

Das sehr zeitgenössische Gefühl für heterogene Zeitlichkeiten, Zwischenräume und Relationen, Dynamiken und Energien zwischen Elementen, für die Untrennbarkeit von Zeit und Raum, von Bewegung und Umgebung hat uns zum antiken archaischen Choros geführt, zu den Bedeutungen des Wortes wie den mit ihm verbundenen Praktiken. Der Grund für unsere Beschäftigung mit dieser tiefen Vergangenheit liegt darin, dass im archaischen Choros bestimmte Dinge nicht getrennt waren, die in der späteren Ausdifferenzierung der Künste jeweils eigenständig wurden, gerade heute und nicht nur, aber auch in unserer Arbeit wieder aufgelöst, multipliziert und neu verknüpft werden. Die Beschäftigung damit, wie Tanzform, Körper und Raum damals zusammenhingen und warum, inspiriert unser Arbeiten, ermöglicht eine Kontextualisierung in große Zeitströme und eine Relativierung dessen, was oft als »Anfang« verstanden wird. Die Frage nach dem Choros aus Perspektive der Choreographie zu stellen, ist Arbeit an vernachlässigten Rändern: Theater und Theaterwissenschaft interessieren sich hauptsächlich für den Chor als Teil des Theaters, obwohl von vielem Stellen bestätigt wird, dass das antike Theater erst aus dem Chor hervorging. Kaum jemand beschäftigt sich damit, was dieser ältere Chor gemacht hat, bevor er zum Theater wurde und inwiefern die Choreographie immer schon eine eigene Praxis und Kunstgeschichte jenseits des Theaters hat.

Wir haben uns in einer sechsteiligen Serie dem Choros und damit den namensgebenden Ursprüngen der Choreographie gewidmet und sie angesichts heutiger künstlerischer und globaler Fragen neu gefasst. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus der Choros-Serie sind entscheidende Basis für alle Choreographien und die Körperarbeit in den Stücken, die wir seitdem entwickeln.

Der archaische Choros kennt keine vorgegebene Bühne und keinen Zuschauerraum. Er schafft den Ort seines Auftritts und des ihm Zuschauens jeweils durch sein Tun. Er versammelt sich im Freien, tanzt auf dem nackten Boden, spricht und singt, bildet Kreisfiguren und das altgriechische Wort choros selbst meint sowohl den Platz, der durch das Tanzen entsteht (ein eingetretener Kreis zunächst), wie auch die tanzenden und singend-sprechenden Körper (der Chor) und die Form ihres Tanzes (den Reigen). Die Zuschauenden stehen um die Tanzenden herum, das Schauen ist affektiv und teilnehmend, es gibt keinen ausgezeichneten Ort eines Gegenüber.

Nach eigenen Forschungsreisen nach Griechenland und Austausch mit Archäolog*innen, Philolog*innen und Tanz-/Theaterwissenschaftler*innen haben wir zusammen mit insgesamt über 15 Tänzer*innen in Workshops und Try-Outs (Choros I + II), in Sprach-Körper-Bild-Räumen (Choros III + IV) und in raum- und abendfüllenden Stücken (Choros V + VI) ausgehend vom ursprünglichen Sinn ein spezifisches Verständnis von Choreographie als Raum- und Zeitkunst zu entwickeln begonnen. Dieser ursprüngliche Sinn liegt erstens in der Gleichzeitigkeit vieler als Gruppe – es gibt bis zur Geburt des Theaters keinen Einzelnen, keinen Protagonisten, zweitens im Bezug zum Publikum, das eine Art räumlich-affektiver Partizipation ist, aber keine Interaktion oder Auflösung des Unterschieds und drittens in der Zusammengehörigkeit von Bewegung, Raum und Körper, spezifischer in der Einbettung des Tanzes in die Bewegungen der Landschaft, im Tanz als Auseinandersetzung mit Körper und Erde, mit irdischen und kosmischen Kräften.

Das sind die drei Aspekte einer nicht- oder vortheatralen Choreographie, die übersetzt in unsere heutige Arbeit an der Raumchoreographie bedeuten:

1. Vielheit und Heterogenität der Elemente und ihrer jeweiligen Bewegungen und Zeitlichkeiten, Gleichzeitigkeit und Gleichwertigkeit verschiedener Geschehen in einer räumlichen Anordnung, durch die sich

2. Besucher*innen frei bewegen und sich sowohl zum Zuschauen (z.B. einer Live Performance) versammeln als auch zum Betrachten (z.B. von Videos) oder Hören (Sound und gesprochene Texte über im Raum verteilte Kopfhörer) vereinzeln können

3. Räumlichkeiten und Zeitlichkeiten der gegenwärtigen Welt, ihre Bewegungen und Transformationen aufnehmen und zum Material machen.

Vor allem der letzte Punkt – die Einbettung des Choros in die Landschaft und was das heute bedeuten kann – führt weit und eröffnet ein Feld, in dem sich Choreographie und Landschaft treffen und wo aus der Raumchoreographie ein in Form und Inhalt radikal zeitgenössisches Genre wird, das sich einer intensiven Beschäftigung mit der Kunstgeschichte verdankt.

Raumchoreographie und Landschaftsmalerei

Der archaische Choros tanzt immer im Freien. Er nimmt die Bewegungen der Umgebung auf, transformiert sie und drückt sie in die Landschaft zurück. Er hinterlässt seine Tritte und Spuren, formt seine Tanzplätze, prägt sich in die Landschaft ein. Choros und Landschaft gehören zusammen. Das gilt auch umgekehrt für die Landschaft, die immer chorisch ist. Das geht so weit, dass man sie als einen Reigen (choros) der Elemente bezeichnen kann: selbst die kargste und dürrste Landschaft ist immer vielfältig, verschiedene Bewegungen kommen gleichzeitig in ihr zusammen: Wind, Licht, Pflanzen, Wasser, Wolken usw. Die Landschaftsmalerei – sehr viel später als der antike Choros, in der Renaissance von Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer erfunden – bringt diese Bewegungen der Natur ins Bild. Sie entdeckt eine Erscheinungsweise, in der die Natur nicht Schauplatz für etwas anderes ist, sondern als Landschaft für sich selbst steht. Sie bringt dafür auch eine bestimmte Weise des Schauens mit sich: ein Schweifen des Blicks.

Natur ist heute »Technonatur«. Sie ist einerseits von technischen Einflüssen, Wechselwirkungen, Verstärkungen bewegte Natur und andererseits zur Natur gewordene Technik. Unser Umgang mit technischen Geräten und elektronischen Strömen wird »natürlich«, er ist nicht mehr instrumentell und gegenständlich; es gibt auch keine technisch unberührte Natur mehr. Alle, auch die entlegensten Gegenden der Erde sind auf irgendeine Weise kontaminiert, modifiziert, mit Zivilisationsstoffen versetzt. Dennoch ist die Technonatur aber »Natur«, wenn man darunter das Unkontrollierbare, Unberechenbare und Unbewusste versteht, das sich z.B. im Katastrophischen zeigt, das Überschießende und menschlichem Leben Vorgängige, es Überschreitende (»Natur« als das, was vor den Menschen da war und nach ihnen da sein wird. Das Verhältnis zwischen beiden ist asymmetrisch – eine Grenze).

Wenn die Raumchoreographie eine Erscheinungsweise unserer heutigen Natur ist, dann setzt sie die gegenwärtige Technonatur aber nicht mehr wie die Landschaftsmalerei ins Bild, sondern räumt sie ein – in Körperbewegungen, Videos, Bildern, Texten, Sounds und in der Gesamtanordnung als Raum multipler Zeitlichkeiten. Sie lässt nicht nur den Blick vor dem Bild schweifen, sondern den ganzen Zuschauer*innenkörper, der sich frei im Raum bewegt – gehend, stehend, liegend, sitzend, schauend, hörend, wahrnehmend, und vieles davon zugleich.

Arbeitsweise

Körperbewegung

Unserem Chor-Interesse entsprechend arbeiten wir mit Gruppen und trainieren den Gruppenkörper. Das heißt: das wechselseitige Wahrnehmen und Empfinden und die Schaffung eines von allen geteilten Zwischenraums, der keiner*m einzelnen gehört, aber auch nicht übergeordnete Einheit aller ist. Es geht uns um das Zwischen und seine Bewegungen, nicht um Homogenität und Einheit. Im Rahmen von Narkosis und Choros haben wir dafür ein Bewegungsprinzip entwickelt, das auf den körperlich-räumlichen Relationen untereinander (Schauen, Hören, kinästhetische und proprio- und heterorezeptive Wahrnehmung) ansetzt. Die Tänzer*innen bewegen sich aus der wechselseitigen Wahrnehmung heraus und beziehen sich dabei immer auf mehr als auf eine Person. Die Bewegungen finden dabei weniger zwischen Personen statt als zwischen Sinnen. Diese fortwährende Dynamik der Bezüge untereinander gilt auch für den Raum zwischen Performer*innen und Besucher*innen. Die Tänzer*innen beziehen sich mit ihren Körpern und mit einer spezifischen Art des Blickens (ein offenes sich-anschauen-Lassen) auf die Zuschauenden, »tanzen« sie mit. Dabei entstehen Berührungspunkte, die sich nicht in ein zu kurz greifendes Verständnis von Partizipation oder Interaktion auflösen lassen, sondern körperlich-räumlich erfahren werden.

Videobild

Ein weiteres Element in unseren Arbeiten ist der Einsatz mehrerer, gleichzeitig projizierter Videosequenzen. Sie zeigen Bewegungsgeometrien, Landschaften, Körper. Wir arbeiten für die Videos mit denselben Performer*innen, die auch live auftreten, gehen mit ihnen in für die jeweilige Arbeit spezifische Innen- oder Außenräume und entwickeln dort Bewegungen aus den Umgebungen heraus. In den immer mehrkanalig und ohne vorgegebenes Bildzentrum gezeigten Videos aus verschiedenen Ansichten und Bewegungen entsteht eine eigene Welt, die sich ins Verhältnis zum Aufführungsort setzt. Sie ist nie Hintergrund und auch nie Mittelpunkt des Geschehens, sondern ein eigener Bild-Raum mit spezifischen Bewegungen. Alle Videos sind eigene, aufwändig produzierte Bildchoreographien, für die wir mit den Performer*innen Reisen an ausgesuchte Landschaften (künstliche Seen und Dünen, unberührte Berge, renaturalisierte Auen…) unternehmen.

Text

In unseren Arbeiten spielt literarischer Text eine zentrale Rolle. Alle Texte werden eigens für die Arbeiten geschrieben, sie sind zugleich eigenständig und entstehen aus dem Gesamtprozess, dem Zwischen von Bewegungen, Bildern, Raumdynamiken heraus. Sie sind keine dramatischen Texte, sondern Prosa und Lyrik, zeichnen keine Figuren, sondern beschreiben Raum- und Körperbewegungen. Strukturell als Teil der Raumchoreographie gesehen sind die von Besucher*innen gelesenen und/oder von Tänzer*innen live oder aufgenommen gesprochenen Texte eigene Bewegungsräume, man folgt ihnen hörend, man schaut sie sogar hörend an. Inhaltlich sind sie bilderreich, die Schreibpraxis ist physisch, die Texte schildern Transformationen verschiedener Körper – von Zellen über Landschaften bis Planeten – und öffnen Bereiche, die der empirischen Erfahrung entzogen sind. Gesprochen werden sie von sprechaffinen Tänzer*innen wie zuletzt z.B. Frank Willens, Sergiu Matis und Katharina Meves.

Objekte

Die architektonischen Objekte in unseren Arbeiten sind alle selbst entworfen und eigens gebaut; dominierende Materialien sind Holz und Leinwand. Die Art der Objekte reicht von mobilen Wandelementen, Drehstühlen (Canvas Chairs), Projektionsfenstern und mobilen Bodenplatten (die ekkyklema in Chora) bis zu Bodenskulpturen aus Gras und bei Adam + Eva aus Gras und Baum. Strukturell sind diese Objekte Hybride: Sie sind eigenständig skulptural, werden aber auch verwendet. Man kann sagen, sie sind Bewegungsspeicher, die in der Verwendung durch die Tänzer*innen (und auch der Besucher*innen) Bewegungen freigeben und wenn sie nicht benutzt werden, Träger der Spuren und Erinnerungen dieser Bewegungen sind. Die Objekte sind raumverändernd in der Bewegung und Impulsgeber für Bewegungen. Sie sind in gewisser Weise Partner für die Performer*innen und so verstehen und benutzen wir sie auch in der Erarbeitung der Choreographien.

Technologie

Von Beginn unserer Zusammenarbeit an – einer Performance im öffentlichen Raum (Die Umsetzung, 2011) aus Autofahrt und für jede*n Besucher*in individueller Live-Sprachübertragung – waren und sind unsere Arbeiten sowohl in der Produktion als auch in der Präsentation technologische Räume. Für die Videos arbeiten wir mit Flugdrohnen, 360°- und Körper-Kameras, für die Verräumlichung der Sprache mit Musik-Software. Dabei verstehen wir auch die Kameras als Bewegungsinstrumente; die Bewegungsqualität einer Drohne als Flugkörper interessiert uns ebenso wie die spezifische Weise, auf die eine Körperkamera nicht nur von einem Körper bewegt wird, sondern auch diesen bewegt, auf ihn »zurückschaut«, ihn choreographiert. (das ist z.B. die Perspektive des Videos White Space, ein Duett zwischen dem Tänzer Charlie Fouchier und einer GoPro-Kamera, gezeigt in Narkosis, Choros IV, V und VI); mit der Musiksoftware »Live« schreiben wir auf Ebene der Stimme räumlich-mehrschichtige Texte als mehrkanalige Lautsprecher-Installationen (so z.B. in Narziss Echo und Narkosis; wieder aufgegriffen in Chora, Adam + Eva und Zone). Die Aufnahme hochauflösender 4K-Videobilder ermöglicht uns eine gestochen scharfe, hyperreale Darstellung von Natur und Landschaft; sie kommen bereits in Choros V + VI in Landschaftsvideos vor und werden in Zone als Verdopplungen von realer und Bild-Landschaft eine zentrale Rolle spielen.

Jede Raumchoreographie wächst in einem Rhythmus aus Arbeit am Ganzen und Arbeit an den Elementen, von jeweils jede*m von uns allein oder zusammen, im Probenraum bei der Bewegungsarbeit mit Performer*innen, beim Objekt- oder Modellbau im Studio oder am Schreibtisch beim Schreiben und Schneiden heran. Die Stücke finden dann an jedem Aufführungsort und bei jeder Etappe andere, in sich geschlossene Ausformungen, die durch eine spezifische sie verknüpfende Raumbewegung eigenständig sind. Jeder neue Raum verlangt einen eigenständigen Auftritt, keine Anordnung lässt sich wiederholen.