Verständlichkeit

MM: Es gab oft Missverständnisse, wenn wir versucht haben unsere Arbeiten im Vorfeld zu erklären, sie mal als zu anspruchsvoll, kompliziert, schwer einordenbar verstanden wurden, während sie andererseits wie selbstverständlich auf die wirken, die die eigentliche Arbeit sehen. Ich glaube es geht nicht darum, die eigene Arbeit zu erklären, als hätte man ein vollständiges Verständnis all ihrer Hintergründe und Nuancen, sondern darum ihr eine stimmige Begleiterzählung mit auf den Weg zu geben und ihr eine weitgehend freie Entfaltung zu ermöglichen – quasi als Door Opener. Also keine fertige Interpretation, Erklärung oder Kontextualisierung, sondern Eindrücke, Richtungen, Bezüge, ein Gefühl, womit und warum und auf welche Weise man sich mit etwas beschäftigt hat. Ein Reisebericht, der der Leserin unterschiedliche Zugänge ermöglicht, ihr Lust auf eine Reise macht, aber eben kein Reiseführer, der minutiös vorgibt, wo und wie die Sehenswürdigkeiten zu finden sind.

Es ist nicht Aufgabe des Kunstwerks, Themen oder Inhalte zu präsentieren. Was nicht heißen soll, bei seiner Beschreibung auf inhaltliche Bezüge zu verzichten. Der Inhalt ist ein Ausgangspunkt, das vorgefundene, abstrakte Material einer konkreten, künstlerischen Formfindung, die auch zu einem neuen Verständnis von Inhalt und damit einem neuen Umgang mit neuen Inhalten führen kann; vielleicht liegt hier der Anknüpfungspunkt zu einer politischen Praxis. Und gerade weil der Inhalt zum Material eines Formierungsprozesses wird, besteht zwischen beiden eine notwendige, aber nicht hierarchisch ableitbare Beziehung: so führt bei uns zB die inhaltliche Auseinandersetzung mit der Forderung nach einer politischen Funktion der Kunst in Jetzt Wird‘s Ernst zur Form einer gegenseitigen Verdoppelung des Verhältnisses von Objekt und Text; oder in So Gut Wie Genug die thematische Auseinandersetzung mit einer rundum behaupteten Krisenstimmung zu einem Aufstand der Bilder, der auf Formebene bildhaftes, skulpturales und theatrales Moment ineinander schob.

Wenn man einen Antrags- oder Pressetext über die eigene Arbeit schreibt, steht man vor dem Dilemma: selbst nichtkünstlerischer Zwecktext, soll er die eigene künstlerische Praxis in Bezug auf ihre gesellschaftliche Relevanz, dh Verortung, Verstehbarkeit, Vergleichbarkeit rechtfertigen. Die Frage: Worum geht es hier? muss zufriedenstellend, in sich abgeschlossen, nach einem bestimmten, nicht hinterfragbaren Prinzip, beantwortet werden, selbst wenn genau diese Voraussetzungen im künstlerischen Werk in Frage gestellt werden. Wie sehr man auch versucht, dagegen anzuschreiben, muss man davon ausgehen, dass die LeserInnen sich an das Verstehensmodell halten werden, das man uns von klein an angewöhnt: das Modell des einzuordnenden Inhalts – die Bedeutung einer Sache als Botschaft, die sich mit anderen Botschaften erst vergleichen und dann beurteilen lässt. Eine Sache existiert, wenn sie verglichen und beurteilt werden kann, zur Bestätigung der Vergleichs- und Urteilsfähigkeiten des kleinen großen Richters in uns. Verstehen heißt dann festzustellen, dass etwas noch Unverständliches auf etwas bereits Bekanntes verweist um dann das erste – die Sache, auf die man stößt – durch das zweite – seine eigentliche Bedeutung – möglichst restlos zu ersetzen. Das Kunstwerk wird in dieser Betrachtung zum Träger (»Form«) eines zu übersetzenden »Inhalts«, dessen »Zugänglichkeit« dann optional in Form einer von ExpertInnen zur Verfügung gestellten Bedienungsanleitung erleichtert wird. Man verlangt nach eindeutigen, »verständlichen« Antworten und kommt nicht mal auf die Idee, dass die Fraglosigkeit dieser Fragestellung ein Problem bzw. sogar den eigentlichen Ort der Auseinandersetzung darstellen könnte.

Wenn man nun als Künstler etwas macht, von dem man glaubt, dass es von der allgemeinen Sichtweise übersehen wird, was soll man dann den anderen sagen um es doch sichtbar zu machen? Verweigert man sich der Forderung nach Verständlichkeit, läuft man schnell Gefahr als rätselhaft, ungenügend, irrelevant ausgeschlossen zu werden. Erfüllt man die Forderung, wird das Werk als weiteres Bedeutungsangebot unter anderen abgehakt, kategorisiert, katalogisiert.