Verständlichkeit

SM: Call me romantic, aber ohne dieses Ausschlussrisiko brauche ich mir doch mit der Kunst nichts anzufangen. Da gibt es bequemere Spielgefährten, denen ich schneller gefalle. Natürlich ist das leicht dahingesagt, weil dem »das gehört sich nicht so« zu begegnen, es auch noch herauszufordern, ist nicht immer der reine Spaß. Und selige Zeiten (oder auch nicht), als die Reaktion auf das Ungehörige, der entsprechende Ausschluss, zumindest wortreich war …

MM: Das Abturnende an diesem Genre ist ja, dass sich die Antwort des Gegenübers auf Zusage oder Absage, Ja oder Nein reduziert. Kein Feedback oder Dialog, dafür ist keine Zeit. Man muss noch anderes erledigen.

SM: Aber ich weiß schon, was du meinst, du meinst den Ausschluss als Ignoriertwerden bzw. das Problem, dass erstmal etwas als Produkt konsumierbar sein muss, um dann vielleicht als Kunstwerk ernstgenommen zu werden. Das ist der Punkt, nicht? 

MM: Ich meine das »Anforderungsprofil« der Texte, die dafür da sind, das Interesse für ein Kunstwerk zu wecken und ihm sein Zustandekommen bzw. seine Anschlussfähigkeit zu ermöglichen. Der Antragstext, der das Kunstwerk vorstellbar machen soll, wenn es noch nicht da ist; der Pressetext, der Leute dazu bringen soll, es wahrzunehmen, wenn es dann da ist. Ich wüsste einfach gern, wie man einer Erwartungshaltung begegnen soll, die Kunst nach ihrem Mitteilungscharakter beurteilt. Und ja, ich glaube auch, dass das mit der Konsumierbarkeit zu tun hat. Auch da kann man das Kunstwerk nach seinem Warenwert beurteilen, – so wie man alles andere danach beurteilen kann. Begegnet man Kunst aber ausschließlich aus der Perspektive des Konsumenten, entgeht einem ihre Fähigkeit, die Haltungen des Urteilens, Verstehens, Konsumierens selbst in Frage zu stellen. Das Kunstwerk bringt immer etwas Unberechenbares ins Spiel, es ist niemals restlos reduzierbar, selbst wenn es – auch und wie alles andere – Ware ist. Der Konsument dagegen ist unfähig, sich selbst in Frage zu stellen. Er kennt nichts als die Bestätigung seiner Nachfrage durch das Angebot vorgefertigter Antworten, ohne je auf die Fragwürdigkeit seines Standpunkts (und damit seiner selbst) zu stoßen. Kunst liefert weder Antworten noch braucht sie Argumente, was sie braucht, ist ein Publikum, das die Freude an der Begegnung mit dem Anderen einem Selbstbestätigungszwang vorzieht.

SM: Ich glaube, dass alles, was mit Zugänglichkeit, Vermittlung und im Grunde genommen Werbung zu tun hat, eine gefährliche, jedenfalls bedrückende Dominanz erreicht hat – für alle Beteiligten, also Produzierende wie Konsumierende. Denn das Vermittlungswesen setzt ja nicht erst beim fertigen Produkt ein, sondern das Ob und Wie der Konsumierbarkeit dringt ins Produzieren selbst. Unvermittelbares wird ausgeschlossen. Es ist ein bisschen so wie am Arbeitsmarkt: Am besten hat das Kunstwerk eine gute Ausbildung und passt in das branchenspezifische Anforderungsprofil.