Zuschauer_in

MM: Meist versteht man den Zuschauer als Konsument, als Kunde. Und der Kunde ist, wie es heißt, König. Oder auch Richter. Aber was, wenn der König weder weiß, worum es geht, noch worum es nicht geht und sich trotzdem alle nach ihm richten? Warum gibt es keine Ausstellungen oder Theaterstücke, die dem Zuschauer ernsthaft abverlangen, sich als notwendige Voraussetzung entsprechend darauf vorzubereiten? Ist es verrückt, wenn auch der Künstler vom Zuschauer verlangt etwas zu »können«? Und was könnte das sein, das er können soll?

SM: Was der Zuschauer »können« soll, muss das jeweilige Kunstwerk beantworten (oder herausfordern, provozieren). Kunst im elementaren Sinn holt eine Offenheit hervor, die ansonsten abgedichtet ist. Sie trifft mich in einer Zone, von der ich vorher nicht wusste, dass ich sie habe oder bin. Überraschung! Darauf kann ich mich nicht vorbereiten.

Ich glaube, die Zuschauerin kommt nicht irgendwann im Nachhinein dazu, sondern ist im Machen immer schon da. Dieses Machen ist deutlich passiver als man es sich gemeinhin vorstellt; mit »passiv« meine ich, dass in ihm ein Antworten liegt, was irgendeine Weise des Dialogs, des Gesprächs voraussetzt – selbst, wenn es sich um ein Selbstgespräch handelt (dann unterhält sich ein Selbst mit sich und auch das sind dann schon mal zwei). Die Zuschauerin kann sich auf ein Kunstwerk nur deswegen einlassen (oder nicht einlassen), weil sie in gewisser Weise schon in es eingelassen ist.

Oder anders gesagt: Als Zuschauerin fühle ich mich verarscht, wenn evident ist, dass man an mich gedacht hat im Sinne einer Vorgabe: ich soll belehrt, unterhalten oder noch schlimmer »abgeholt«, »mitgenommen« oder ganz schlimm: »mitgemacht« werden. Wenn ich merke, dass meine Reaktion vorprogrammiert ist, dass man sich mich vorgestellt hat. Ich merke als Zuschauerin, wenn ich zur Produktpräsentation geladen bin.

Es ist etwas ganz anderes, wenn ein Kunstwerk eine Erfahrung von Fremdheit, von Unverwandtheit ermöglicht. Dann hat es mich ernst genommen, dann spricht es mich an und fängt mit mir etwas an – dann hat es an mich gedacht ohne mich zu kennen und einzuschätzen. Dann schätzt es mich. Aber nicht, wenn ich merke, man hat unentwegt schon beim Herstellen an mögliche und wahrscheinliche Reaktionen gedacht. Wenn das Kunstwerk aber eine Erfahrung von Fremdheit, von Unverwandtheit ermöglicht, dann deswegen, weil auch die, die es machen, es nicht beherrschen oder kontrollieren (das ist ihre Passivität beim Machen). Weil sie selbst nicht wissen, wie »das« passieren konnte; sondern eigentlich nur den Rahmen gesetzt haben, damit etwas passieren kann. Oder auch nicht – das ist dann Scheitern; aber dieses Scheitern ist eine ganz andere Leere als der Bestätigungsleerlauf des Vorhersehbaren.