Zuschauer_in

Fremdheit oder Unverwandtheit lässt sich nicht einfach herstellen. Deswegen besteht Machen für mich so oft aus Warten. Das kann ein sehr tätiges Warten sein, ist es meistens auch, weil Warten an sich ja unerträglich ist, vor allem, wenn man nicht weiß, worauf (jedenfalls nur sehr diffus, im Grunde auf ein Gefühl). Also fülle ich es mit vielen, vielen Seiten. Um dann, mitten in einer Arbeit dazusitzen und mir zu denken: das funktioniert alles nicht. Genauer: es stimmt nicht. Und es stimmt auf eine ganz falsche Weise nicht, weil würde es richtig nicht stimmen, wäre es wahrscheinlich schon nah am Gesuchten. Das ist dann ein Gefühl von Panik, an das man sich, glaube ich, nie wirklich gewöhnt: Die Anfangsidee war gut, es gibt die vielen Seiten, aber in Wirklichkeit hat man nichts in der Hand. Bei der Textproduktion zu Jetzt Wird‘s Ernst war das ein Schockmoment: keine Ahnung, was tun, alles falsch. Und das nicht aus irgendeiner Überlegung heraus, sondern körperlich (es wird furchtbar kalt). Dann kommt von irgendwo oder irgendwem (das kann ein Satz sein, den man in der U-Bahn hört) ein Ton her und dann schreibt man eigentlich nur noch mit (ja, es erinnert an Echo). Und ich erzähle das deswegen, weil ich glaube, dass genau auf diese Weise die Zuschauerin ins Machen einfällt, aber eine, die ich mir so ganz bestimmt nicht vorgestellt habe. Was man dann zur Aufführung, Ausstellung oder was auch immer es ist, bringt, ist genau dieser Einfall. (Es kann wahrscheinlich auch sein Ausbleiben sein.)

Oder ein anderer Versuch: Ich glaube, es gibt einen Unterschied zwischen einem »Gegenüber« und »anderen«. »Gegenüber« verstanden als personifizierte Erwartungshaltung, zu der man sich irgendwie verhalten muss (hermetisch, konfrontativ, provokant, verständlich, gefällig – whatever). Das funktioniert wahrscheinlich, solange wir von etwas Gemeinsamen ausgehen: einer Tradition, einer Herkunft, einer in etwa gleichen (Allgemein-)Bildung, einer Sprache, auch einem Geschlecht, etc. Ein Gegenüber kann ich studieren, einschätzen und mir dann überlegen, was ich ihm gebe, verweigere; oder ob ich vor ihm Angst habe, mich ihm anpasse. Die Sache mit der »Repräsentation«, die da anklingt, bezieht sich nicht nur auf das, was auf der Bühne passiert und auf die, die es passieren lassen, sondern auch auf die, für die es ist – man stellt sich eben auch das Publikum meistens repräsentativ vor.

Habe ich es hingegen mit »anderen« zu tun, muss ich mich eher in Wert- als in Einschätzung üben. Und, ohne zu glauben, dass man »Gegenüber« und »andere« sauber voneinander trennen kann, denke ich, dass es in der und für die Arbeit einen Unterschied macht, ob ich mich an ein Gegenüber richte (das ich dann als Richter adressiere und sei es, um es in dieser Funktion anzugreifen, auszuhebeln) oder es anders versuche. Die Adressierung – für wen, an wen, mit wem … Kunde, König, Richter – ist jeder künstlerischen Arbeit immanent.