Betrieb und Areal

MM: Dem Betrieb begegnet man überall, er bestimmt das Spektrum gesellschaftlicher Möglichkeiten. Seine Unwiderstehlichkeit besteht darin, dass er funktioniert. In ihm hat alles so zu funktionieren, wie es funktioniert, weil man sich erwartet, dass es so funktioniert. Seine Faktenlage ist abgesichert und spricht für sich selbst. Der Betrieb ist immer schon die Antwort, ganz gleich auf welche Frage. Er setzt den Sachzwang absolut und behauptet sich als unhintergehbare Realität. Niemand ist für ihn verantwortlich, aber jeder sieht ihm bei seiner Normalisierung zu. Der Zuschauer ist sein Rekrut. Der Betrieb kann alles liefern, berechnen, gleich und vergleichbar machen – vom Erkenntnisgewinn über den Unterhaltungswert bis zum Innovationscharakter. Die Zeit ist in ihm aufgehoben: es gibt kein vor und es gibt kein nach ihm; er ist immer jetzt und bleibt für immer hier. Und selbst wenn es nicht mehr so weitergehen kann, geht es trotzdem genau so weiter. Sein Imperativ heißt Pragmatik, seine Stimmung Apathie, sein Trost Identität und Einheit. Er ist der Einzige, an den man glaubt, weil man ihm glaubt, dass er der Einzige ist.

Wenn der Betrieb die Wirklichkeit durchsetzt und seinem Legitimationsdruck unterwirft, vom Alltag über Politik, Wirtschaft, Medien, Wissenschaft, bis zu den Produktions- und Rezeptionsbedingungen von Kunst, dann ist die Auseinandersetzung mit ihm der Ausgangspunkt eines künstlerischen Tuns, das sich nicht der Dienstbarmachung unterwerfen will. Damit meine ich nicht die Rettung der »einen«, echten, unverfälschten Kunst. Ich will nicht darauf hinaus, dass die Kunst besser ist als der Rest der Welt. Jeder Bereich unseres Lebens, auch die Kunst, ist vom Betrieb durchdrungen. Und er ist kein Parasit, den man mit Gewalt vom Wirt ablösen könnte. Aber auch wenn Kunst und Betrieb noch so miteinander verwoben sind, sind sie doch nie das Selbe.

Ich verstehe Kunst als Herausforderung jeder Realitätsbehauptung, die sich als erwartbar, unabänderlich, natürlich, so und nicht anders präsentiert. Kunst kann gar nicht anders, als sich auf das einzulassen, was da ist; auf das, was von ihr verlangt und erwartet wird. Sie muss sich verstricken, damit ihr Spiel beginnt: zu drehen und zu wenden »was Sache ist«. Nur so schafft sie neue, unvorhersehbare Formen und Formate. Sie verlangt nicht nach Chaos, sondern verflüssigt erstarrte Ordnungen und macht so andere möglich. Sie gibt uns keine Antworten, aber sie zeigt uns, dass die immer gleiche Antwort uns nicht weiter bringt. Sie ist keine elitäre Selbstbeschäftigung, sondern eine Auseinandersetzung ihrer Zeit. Und diese Auseinandersetzung findet für mich an einem Ort statt, den ich das Areal nenne. Das Areal ist ein inszenierter Raum, in dem sowohl Erwartungshaltungen an die Kunst wie auch Unterscheidungskriterien zwischen den Künsten unterlaufen (aber nicht abgeschafft) und so moduliert, miteinander multipliziert werden, dass auch die Betrachterin bzw. Zuschauerin Gelegenheit erhält, ihr Rollenbild (Übersetzung – Vergleich – Urteil) zu überdenken. Vielleicht um das eigene Selbstverständnis in Frage zu stellen. Oder um einen Moment der Unentschiedenheit der schon parat stehenden Antwort vorzuziehen. Wenn sie das will. Denn es ist ihre Entscheidung und es ist entscheidend, dass sie diese Entscheidung selber trifft. Die »partizipative« wie die »sozial engagierte« Kunst haben das nicht verstanden, sie wollen das Glück erzwingen. Ich glaube das ist der falsche Weg; man muss die Frage nach dem Zuschauer ernst nehmen. Denn wir sind alle Zuschauer, nicht nur, wenn wir Kunst ansehen.

SM: Die unterschiedlichen Zeitlichkeiten sind interessant. Wenn der Betrieb die Perpetuierung einer Augenblickshaftigkeit ist und die Kunst eine Auseinandersetzung ihrer Zeit (das »mit« fehlt absichtlich), dann geht es hier um etwas Dramatisches. Die betriebshafte Jetzigkeit kreist permanent um sich selbst, ohne sich je erreichen zu können.