Betrieb und Areal

SM: Sie ist in einer Selbigkeit gefangen; in dieser Gegenwart als Aktualität, die nicht in erster Linie unübersichtlich, sondern vor allem eng und bedrückend ist. Wenn also die Kunst eine Auseinandersetzung ihrer Zeit ist und diese Zeit eine Gegenwartsgefangenschaft, Gegenwartsblase, tote Gegenwart, die auf hektische Weise auf der Stelle tritt, dann muss die Kunst sich in eine Form von Distanz dazu bringen. In eine Entfernung, Entfremdung, Entrückung zu dieser Gegenwart. Ich glaube wirklich, dass sie das muss, sonst gerät sie mitten in den Bestätigungsleerlauf – und die Gefahr ist groß. Nur hat die Distanzierung, Entfernung oder Entrückung, die eine andere Zeitlichkeit ermöglicht, eine, die nicht auf den Punkt bringt, sondern auffaltet, nichts – wie manche immer wieder fordern – mit »Traditionspflege« zu tun. Man bricht nicht aus der Gegenwartsverhaftetheit aus, indem man sich etwas Vergangenem, Altem zuwendet und glaubt, das sei an sich schon groß und eh irgendwie »aktuell«. Die Distanzierung als Aufspannung von Zeitlichkeiten hat nichts damit zu tun, ob man sich einem vergangenen Stoff zuwendet oder nicht; das ist nicht das Entscheidende. Das Entscheidende ist, ob und wie der Ausbruch aus der Gegenwartsbubble gelingt. Wahrscheinlich sucht man bei jeder künstlerischen Arbeit nach nichts anderem. Und da das nicht einfach ist, kann man daran scheitern; und wieder in das verfallen, was einem vertraut ist, was man schon gemacht hat und das sich bewährt hat. Dieses »Zurückfallen« passiert, weil man die Energie nicht aufbringt oder weil man sich vor dem Zuschauer fürchtet, der nicht versteht, worum es geht. Weil es unter Umständen nicht »lesbar« ist, was man macht. Und jetzt komme ich zurück auf die geforderte »gesellschaftliche Relevanz« und was durch sie ausgeschlossen werden soll. Die »gesellschaftliche Relevanz« ist keine Aufforderung zur Auseinandersetzung ihrer Zeit (ihrer Wirklichkeit), sondern soll eine – und wirklich eine – Lesbarkeit sicherstellen und zwar eine gemeinsame, eine identitätsversichernde und -bestätigende: Identität einer Zeit, Gegenwart mit sich selbst. Das wird auch immer unverhohlener so gesagt, ein Blick in das neue EU-Förderprogramm für »Kreativität« reicht: gefördert werden Projekte, die »zu einer europäischen Identität beitragen«. Identität und Lesbarkeit gehören zusammen, sind eine Versicherungsleistung: Wir alle gemeinsam hier und jetzt – ein Zeit- und Standpunkt.

Die Auseinandersetzung der Zeit als Ausbruch aus der Punkt-Zeit dezentriert und distanziert, irritiert die »gemeinsame Lesart« und lehnt ein Publikum als Einheit, als »Gruppe« ab. Und das kann von einer auf Einheit (sei sie europäisch, national oder sozial) hin orientierten Politik nicht erwünscht sein. Daher fordert und fördert sie »gesellschaftliche Relevanz« und betreibt Identitätspolitik. Ich glaube immer mehr, dass sich die Frage nach Kunst und Politik nicht als die nach einer »politischen Kunst« stellt; die politische Frage ist, ob es Kunst als Möglichkeit des Freiraums von (Identitäts-)politik gibt.