Twist

MM: Das Areal ist ein inszeniertes räumliches Werk, dessen Ausstellungs- und Aufführungsscharakter aufeinander treffen und so ein drittes Spannungsmoment, den Twist, bilden. Dabei geht es nicht um die bloße Kombination von Mitteln der Kunst und des Theaters, sondern um eine Multiplikation: die Spannung entsteht dadurch, dass zwei Aspekte zusammen auftreten, ohne einander auszulöschen oder ineinander aufzugehen. Protagonist und Antagonist spielen für einander und ineinander – ob Ausstellung, die zugleich ihre eigene Aufführung ist, Kunstwerk, das zugleich Werkdarsteller ist oder Betrachter, der zugleich zum Zuschauer wird. Ein Effekt dieser Wechselwirkung ist, dass sich die Unterscheidung von Betrachten (Kunst) und Zuschauen (Theater) und damit die Rolle des Publikums selbst neu fassen lässt. Nicht, weil plötzlich alles völlig anders wäre und sämtliche Rahmensetzungen wie weggewischt (das wäre beliebig), sondern aufgrund der Kollision zweier Bezugsrahmen, die sich gegenseitig in Schwingung versetzen, ohne dass einer der beiden deswegen aufhören würde zu existieren. In diesem Sinn könnte man von Meta-Kunst sprechen – sie entsteht und existiert zwischen theatraler und bildender Kunst (eine Übersetzung des griechischen »meta« ist das räumliche »inmitten«, »zwischen«, »zugleich mit«). Ebenso gut könnte man auch vom Meta-Theater sprechen. »Was zwischen den Künsten liegt, ist Theater« meint Michael Fried, als er der Minimal Art ihre »Theatralizität« zum Vorwurf macht.

Das Areal ist also ein Kunststück. Der Twist ist in zweifacher Hinsicht das Drehmoment des Areals: einerseits bezeichnet es die Kreuzungsbewegung zweier Pole (Ausstellung – Aufführung, Kunstbetrachter – Theaterzuschauer, Einzelgänger – Doppelgänger, Werk – Darsteller, usw.), das Moment ihres sich-ineinander-Drehens; andererseits weist es auf jenen Moment, also Augenblick, in dem sich diese Bewegung ereignet und als uneinordenbares Drittes dazwischenfunkt. Was übrigens nicht heißt, dass es nicht auch weiterhin möglich wäre, ein Urteil zugunsten eines der beiden Pole zu fällen. Eine Antwort lässt sich immer finden. Das Neue ist dann das Altbekannte, das man im Zweifel siegen lässt um den Zweifel zu besiegen.

Den Twist findet man bei den Bühnen-Bildern von So Gut Wie Genug ebenso wie in Die Umsetzung oder bei Jetzt Wird‘s Ernst (Das Spiel ist aus). Dabei handelt es sich um eine Ausstellung von zehn Kunstwerken (Objekte, Bilder, Videos), auf denen sich ein in Ich-Form geschriebener, aber keiner bestimmten Person zuordenbarer Text seinen Weg von Kunstwerk zu Kunstwerk bahnt. Vor jedem Kunstwerk findet sich außerdem eine Texttafel, auf der das zugehörige Kunstwerk in nüchtern-sachlichem Tonfall beschrieben wird. Beschreibung und Kunstwerk decken sich aber nicht, es wirkt eher, als sei das Kunstwerk eine Art Platzhalter für ein weiteres, im Text beschriebenes Kunstwerk. Im Zusammenspiel dieser zwei Textstränge entfaltet sich ein fiktionaler Schriftraum, der sich mit dem physischen Raum der ausgestellten Objekte kreuzt: eine Ausstellung, die zugleich ihre eigene Doppelgängerin ist; und jedes der zehn Kunstwerke ist auch Doppelgänger eines anderen Kunstwerks. Das Werk wird zum Werkdarsteller, die Ausstellung zur Szene; und umgekehrt. Weder ist der Text eine Illustration des Objekts, noch das Objekt eine Illustration des Texts. Sie bilden zwei eigenständige, aufeinander bezogene, fortwährend einander kreuzende, ineinander greifende Ebenen. Dieser bzw. dieses Moment der Unentschiedenheit, das ist der Twist.