Orientierung

MM: Meist trifft man in einem eigens dafür vorgesehenen Schauraum – dem Ausstellungsraum, auf ein Kunstwerk (oder im Aufführungsraum auf ein Theaterstück). Diesen Raum stellt man sich in der Regel als große, unverrückbare Schachtel vor, in die etwas zur Betrachtung gestellt wird. Sie ist der vorausgesetzte, neutrale, selbst nichtkünstlerische Rahmen, innerhalb dessen die Kunstbetrachtung stattfinden kann. Die Schachtel beinhaltet das Kunstwerk, ohne Teil davon zu sein. Sie bildet seinen Hintergrund, verteilt die Rollen, lenkt die Aufmerksamkeit, steckt das Geschehen ab, sorgt für geregelten Bahnen, schafft Orientierung. Wo ist das Kunstwerk, wo der Betrachter bzw. die Zuschauerin, worauf und wie richtet sich sein bzw. ihr Blick – was auch immer hier gezeigt wird, es steht jedenfalls fest, an welchem Ort und auf welche Weise es zu betrachten ist. Kraft eines von ihr selbst hervorgebrachten Blickregimes gelingt es der Schachtel-Raum-Vorstellung damit sich vor der Überschreitung ihrer Grenzen durch das Kunstwerk abzusichern.

Die Frage ist nun: Was passiert, wenn das Kunstwerk seinen eigenen Raum hervorbringt, also einen Raum, der Teil des Werks ist, zu ihm dazugehört, aus ihm heraus entsteht und dieser Raum die alten Positionen neu aufmischt? Muss sich dann nicht auch der Blick auf das Werk neu orientieren? Kann durch ein Ineinanderverschachteln, Durcheinanderbringen, Derangieren (vor allem, aber nicht nur) räumlicher Anordnungen, Umrahmungen, Aufteilungen, wie immer man das nennen möchte, eine Situation entstehen, in der nicht nur das Kunstwerk, sondern auch der_die Zuschauer_in das zugewiesene Revier verlassen kann (selbst wenn er_sie noch gar nicht weiß, dass er_sie das will – und kann)?

Desorientierung wäre dann die Voraussetzung dafür, Neuland zu betreten. Und ihre Aufgabe nicht die Beseitigung von Orientierung, sondern deren vorübergehende Unterbrechung, der Eintritt in einen Zeit-Raum noch unentschiedener Neu-Orientierung, in der das Alte nicht einfach aufhört zu greifen und trotzdem nicht mehr ausreicht um das Neue zu erfassen. Ich denke es geht um diesen Übergang. Als ob man auf einer Autobahn durch die vorbeirauschende, unsichtbare Landschaft nachhause fährt und überraschend auf eine Umleitung stößt, die einen dazu zwingt, durch eine Gegend zu fahren, in die man sonst nie abgebogen wäre. Man senkt das Tempo, und ja, man vergisst deswegen noch nicht sein ursprüngliches Ziel, aber man muss sich trotzdem neu orientieren, den Blick auf die unbekannte Umgebung richten. Vielleicht ändert man dann sogar sein Ziel, vielleicht kehrt man auch gar nicht mehr zurück. Und vielleicht verspätet man sich einfach.

Ein Extrembeispiel für so eine Verkehrsbehinderung war die Einzelaktion Es war einmal (Wien, 2006), in der gleich zwei, ineinander greifende Desorientierungsstrategien zum Einsatz kamen: Die erste war die Fragmentierung der Aufführung in simultan ablaufende, räumlich getrennte, aber aufeinander bezogene Teilstücke eines zusammenhängend inszenierten Ganzen. Das heißt: jede_r teilnehmende »Einzelgänger_in« bekam – und zwar alle zur selben Zeit – nur jeweils einen Ausschnitt der Gesamtinszenierung zu sehen. Die Idee dabei war, einen direkt erfahrbaren, installativ wie performativ inszenierten Ausstellungs- bzw. Aufführungsraum mit einem indirekten, dem/der einzelnen Teilnehmer_in nur durch Nacherzählungen der anderen Teilnehmer_innen zugänglichen Vorstellungs-Raum zu kreuzen. Der sich im gemeinsamen Zusammensetzen der Einzelteile ergebende Zusammenhang war also nur auf vermitteltem Weg – durch den Dialog der Teilnehmer_innen untereinander – möglich. Ob man überhaupt einen Austausch stattfinden lassen wollte, lag dabei in den Händen des Publikums.

Bei der zweiten Strategie ging es um eine »Verflüssigung« der Grenzen zwischen künstlerisch inszeniertem »Innen« und nicht dazu gehörendem »Außen«. Alle Teilnehmer_innen starteten von einem gemeinsamen Ort, an den sie später wieder zurückkehren sollten, und von dem aus sie, jede_r alleine, in die verschiedenen Teilareale gebracht wurden: Hotelzimmer, Ladenlokale, Wohnungen, Innenhöfe, die straßenseitigen Fenster eines Gebäudes, ein Kinosaal, Parkgaragen, Autofahrten, auch einige der Wegstrecken selbst wurden inszeniert. Auf diese Weise entstand ein eigener Raum, ein künstlerisch in Szene gesetztes Areal, dessen Ränder und Übergänge zur Außenwelt gewollt unscharf, in Bewegung waren und die Einzelgänger_innen selbst entscheiden mussten, was zur Inszenierung gehört und was nicht. Wo ist die künstlerische Arbeit, wo beginnt sie, wo hört sie auf und inwiefern hört sie hier auf? Diese Unentschiedenheit verlangte den Teilnehmer_innen eine andere Herangehensweise an das Werk ab und machte sie in der Kombination aus selbst Gesehenem und anderen Nacherzähltem bzw. von anderen Gehörtem zu Koakteur_innen der Inszenierung – keine »bloßen« Zuschauer_innen mehr, ohne dabei im üblichen Sinne »partizipiert« oder »interagiert« zu haben.