Aeon – 10.-13. September 2020 @ Tanznacht Berlin

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Aeon, © Moritz Majce + Sandra Man, 2020

AEON
Outdoor Live Installation

Tanznacht Berlin

10.-13.9., täglich um 16:45 ab Tanzfabrik Berlin Wedding
Begrenzte Teilnehmer*innenzahl: 14
Dauer: 3 Stunden
Eintritt frei, Zeittickets hier
Kurzinfo: Hier

ARTISTS STATEMENT

1 KONTEXT

Aeon ist Fortsetzung und Neuanfang.

Wir arbeiten an Relationen. An Bezügen von sich bewegenden Körpern untereinander; an Relationen zur Umwelt, zur Sprache; an Begegnungen mit Publikumskörpern. Diese immer mehrfachen Bezüge sind das Material unserer Arbeit. Sie brauchen Raum.

Von Anfang an – seit Festung / Europa (2015) und dann in allen darauf folgenden Arbeiten – sind unsere Choreographien vor allem Raumwahrnehmungen und Raumempfindungen: Abstände, Zwischenräume, Nähe und Ferne, Berührung und Weite spielen die Hauptrolle. Wir arbeiten mit Anziehungskräften zwischen Körpern, Körpern und Objekten, Körpern und Bildern, Körpern und Texten. Wir richten die Aufmerksamkeit auf das, was in all seiner Fremdheit zueinander hin will, sich für einander interessiert, miteinander verschmilzt, sich voneinander entfernt. Dabei setzen wir Bewegungen frei, die weder von dem einen noch von dem anderen kommen, die einem Raum zwischen uns entspringen.

Zwischen uns ist Schauen, Sprechen, Hören, Gehen. Die sinnlichen Attraktionen: Zuschauen, Anschauen, Zuhören, Sprechen, Hingehen, Mitgehen, Dabeisein werden zu den eigentlichen Handlungen. Sie kommen aus einem räumlichen Miteinander: Mit jedem Blick, jedem Schritt, jedem Ton, jedem Wort ändert sich der Bezug zwischen uns; wir kommen einander näher, wir entfernen uns, wir verlieren einander, wir treffen uns wieder. In unseren Arbeiten ist nicht nur wichtig, was man sieht oder hört, sondern dass Sehen, Hören, Gehen in diesem Moment und miteinander geteilt – zwischen uns – geschieht.

In unseren bisherigen Arbeiten und besonders in der letzten – Chora (2019) – trat vor allem der Raum zwischen uns Menschen auf. Der Raum, der zwischen Performenden und Zuschauenden/Teilnehmenden entsteht, immer wieder neu und immer wieder anders, in permanenter Bewegung und von niemandem beherrscht.

Jetzt, in Aeon kommt die Anarchie des Raums aus der Weite. Die Arbeit findet draußen statt, auf sehr großen Brachen. In diesem Raum der Weite sind die Menschen sehr exponiert und sehr klein. Es ist da draußen nicht mehr nur der Bezug untereinander, der aufscheint, sondern der zu allem anderen, was außer uns da ist: Boden, Wetter, Pflanzen, Himmel, Licht. Es gibt eine Umgebung, die sich permanent mitteilt.

Aeon ist die Zeit der Landschaft, die Zeit der Erde, die Zeit der Bewegungen, die uns umgeben. Eine so lange, so grundsätzliche Zeit, dass wir irgendwann anfangen, sie als Raum zu empfinden, weil sie uns gar nicht mehr wie der Verlauf von Zeit vorkommt.

Aeon ist eine »Raumzeit«, eine Zeit, die sich in Raum verwandelt.

2 DRAUSSEN

Aeon ist unsere erste Arbeit vollständig draußen.

Kein Studio, kein Vorbereitungsraum. Wir waren immer dort, wo wir unsere Arbeit auch tatsächlich zeigen, wohin wir unsere Besucher*innen einladen; wir haben in den letzten Monaten freie Flächen in der Stadt – Brachen – gesucht und uns dort getroffen. Wir haben nicht nur draußen an etwas gearbeitet, sondern mit dem Draußen.

Draußen ist die Abhängigkeit vom Wetter, das Ausgesetztsein diversen Störungen wie Lärm, andere Leute, Polizei; draußen ist alles viel inspirierender und alles viel anstrengender. Draußen ist der Raum, den man jeden Tag neu entdecken kann; und draußen ist der Raum, der die Fragilität der Körper unterstreicht: Draußen ist groß, weit, laut, oft zu heiß oder zu kalt oder zu nass.

Draußen ist alles jeden Tag anders, jedes Mal wieder entsteht erst ein Dasein; selbst wenn man über Monate regelmäßig an denselben Ort kommt, betritt man jedes Mal wieder ein neues Gelände, man schaut sich unwillkürlich um und registriert, was sich verändert hat. Man kommt nicht in einen quasi unbemerkten – verlässlichen, geschützten, stabilen – Raum, um darin »etwas« zu tun; man kommt in ein Licht, das heute wieder ganz anders ist und spürt die Luft, den Boden, hört den Sound der Straße und der Vögel, der eigenen Schritte. Man scheitert, wenn man im Raum von gestern arbeiten will. Man muss die Bezüge jedesmal wieder finden und herstellen: sehen, hören, spüren, erkunden, empfinden, wo man jetzt gerade ist.

Der Raum draußen ist nicht beherrschbar. Es gibt immer Eingriffe – die anderer, die in der Zwischenzeit da waren und irgendetwas dort gelassen haben; die vom Wetter – Pfützen vom Regen, Pflanzen, die heute neu blühen oder solche, die endgültig vertrocknet sind.

Das Draußen dieser Arbeit, die Brachen, sind Stellen, an denen Eingriff und Sichselbstüberlassen aufeinandertreffen, Technik und Autonomie, Intention und Spontaneität, Zukunft und Gegenwart. Bauland mit der Absicht, darauf etwas zu errichten, Brachland, auf dem jetzt Pflanzen wuchern und Müll sich sammelt.

Im Unterschied zu Ruinen haben Brachen keine Geschichte. Sie öffnen eine bestimmte eigene Zeit: Sie liegen zwischen der Gegenwart, in der sie nicht genutzt werden und einer Zukunft, die meist geplant, aber zugleich offen ist.

Die Brachen gehören jemandem, sie sind Privatbesitz und man darf sie nicht betreten. Zugleich kümmert sich niemand um sie, sie verwildern. Sie sind nicht öffentlicher Raum, aber sie sind ein offener Raum in der Stadt, ein Riss durch die Nutzungen.

RAUMCHOREOGRAPHIE: Moritz Majce + Sandra Man VIDEO + RAUM: Moritz Majce VIDEO + TEXT: Sandra Man CHOREOGRAPHIE + PERFORMANCE: Lisa Densem, Joséphine Evrard, Charlie Fouchier, Nitsan Margaliot, Laura Siegmund, Maya Weinberg SPACE WALKERS: Shelley Etkin, Bar Gonen, Valérie Kommer, Inky Lee, Assi Pakkanen, Lisa Stertz, Susanna Ylikoski GUIDE: Gabrielle Cram OUTSIDE EYE: Sigal Zouk PRODUKTION: Patricia Oldenhave ÜBERSETZUNG: Anna Galt STIMMAUFNAHMEN: Fernand Kenzler

Eine Produktion von Moritz Majce + Sandra Man, gefördert aus Mitteln der Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa. Koproduktion: Tanznacht Berlin.

Tanzfabrik Berlin • Uferstraße 23 • 13357 Berlin

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